> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 09. Mai 2012

Schüler blicken über den Tellerrand

Unesco-Projekttag an der Jörg-Zürn- und Justus-von-Liebig-Schule

Der Unesco-Projekttag fand dieses Mal an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule und an der Justus-von-Liebig- Schule statt. Schulleiter Kurt Boch nannte Weltoffenheit, Toleranz und aktive Mitarbeit zur Völkerverständigung als wichtige Aufgabe.
Bild: Walter

Überlingen – "Hinterm Tellerrand geht es weiter – weltbewusst essen und leben“, lautete der Leitgedanke des Aktionstages, bei dem die Jörg-Zürn-Gewerbeschule als langjährige Unesco-Projektschule erstmals die benachbarte Justus-von-Liebig-Schule mit einbezogen hatte. Dies passte auch thematisch bestens, zumal Ernährung und Ernährungswissenschaften dort die ältesten und nach wie vor wichtigen Standbeine sind.

Wie genau man bisweilen hinschauen muss, um diesem Vorsatz gerecht zu werden und weltbewusst zu essen und zu leben, führten die Projekte der Schülergruppen vor Augen. Viele in Mitteleuropa geschätzten Genüsse gehen zu Lasten von Menschen an anderen Stellen des Globus', sei es durch die Marktmacht von Weltkonzernen, sei es durch die dadurch beförderten Anbaumethoden. Auf der anderen Seite zeigten Beispiele, dass in manchem Müsliriegel mehr Zucker als Müsli steckt.

Als Unesco-Projektschule verstehe es die Jörg-Zürn-Gewerbeschule als Bildungsauftrag, erklärte Schulleiter Kurt Boch, „die Schüler und Schülerinnen zu mehr Weltoffenheit, Toleranz und aktiver Mitarbeit bei der Völkerverständigung zu erziehen.“ Zu den zahlreichen Aktionen im Lauf eines Jahres zähle hier seit vielen Jahren auch die Kriegsgräberpflege in osteuropäischen Ländern. Peter Gött, Unesco-Beauftragter an der Schule, wies auf die globalen Diskrepanzen bei der Ernährung hin. „Während wir uns allenfalls über Geschmack und gesunde Ernährung streiten“, sagte Gött, „sollten wir nicht vergessen, dass über eine Milliarde Menschen an Hunger leidet, obwohl wir auf der Erde genügend Nahrung haben.“ Daran knüpfte Ute Zell-Al-Bahrani von der Justus-von- Liebig-Schule mit einem Zitat Willy Brandts an: „Wo Hunger herrscht, kann Friede keinen Bestand haben.“ Ihre Frage „was haben wir damit zu tun?“ hatten sich auch Schüler in ihren verschiedenen Projekten gestellt.

Dabei griffen sie Themen auf wie internationale Konflikte, den weltweiten Ausgleich zwischen Arm und Reich, Ressourcennutzung und Umwelt, nachhaltige Entwicklung und Menschenrechte. Doch auch umweltverträgliche und Natur schonende Anbaumethoden vor der eigenen Haustür kamen ins Blickfeld.

Geradezu „schockiert“ waren die Schülerinnen Charlotte Gerstenhauer und Evelyn Pfaffengut nach ihren Recherchen über die Kinderarbeit in Westafrika. In einer Präsentation hatten sie die Verschleppung von Kindern in Mali aufgearbeitet und deren Tagesablauf bei der Ernte von Kakaobohnen an der Elfenbeinküste eindrucksvoll dargestellt, um zum Nachdenken anzuregen. Jährlich würden nach aktuellen Informationen auf dem afrikanischen Kontinent nahezu 300 000 Kinder aus ihrer Heimat verschleppt und anderswo als billige Arbeitskraft missbraucht.

Nicht ganz neu ist die Problematik rund um unsere tägliche Tasse Kaffee, denn auch „hinter der Tasse geht es weiter“, wie Jonas Schnell und Joachim Nagel in ihrem Projekt deutlich machten. Die Anbaubedingungen und die Behandlung von Bauern in Süd- und Mittelamerika durch die großen Konzerne stellten sie dem fairen Handel von Kaffee entgegen, der nur langsam an Boden und Kunden gewinnt. „Vielfach werden beim Kaffeeanbau noch immer Pestizide eingesetzt, die hierzulande längst verboten sind“, sagen sie. Wer die Situation, wie die beiden Schüler, genauer betrachtet, der verstehe auf der anderen Seite, dass die Anbauer immer wieder neue Waldflächen abholzten. Nur so seien überhaupt Super-Billig-Angebote beim Discounter möglich.


Hanspeter Walter, Südkurier Überlingen, 09.05.12nach oben