> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 22. August 2019

Schüler pflegen Soldatengräber in Bulgarien

Projekt der Jörg-Zürn-Gewerbeschule führt ins Ausland - Wahrung des Friedens steht im Mittelpunkt der Aktion

kriegsgraeber2019
Schüler der Jörg-Zürn-Gewerbeschule haben im Rahmen einer internationalen Jugendbegegnung zwei Wochen Soldatenfriedhöfe im bulgarischen Sandanski gepflegt. Links kniend Hubert Gobs.
Bild: Schule

 Überlingen - Zum 26. Mal sind Schüler der Jörg-Zürn-Gewerbeschule für zwei Wochen in ein osteuropäisches Land gereist, um sich mit der Geschichte vor Ort auseinanderzusetzen.

Unter dem Motto „Arbeit für den Frieden“ pflegten 21 junge Menschen im Rahmen einer internationalen Jugendbegegnung Soldatenfriedhöfe bei Sandanski im Südwesten von Bulgarien nahe den Grenzen zu Griechenland und Mazedonien – und das bereits zum zehnten Mal. Mit dabei waren auch acht Jugendliche aus Sandanski am Fuße des Piringebirges. Die zweiwöchige Aktion erfolgte wie in den Vorjahren in Zusammenarbeit mit dem Landesverband Baden-Württemberg des Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge (VDK).

Mit der Jugendbegegnung wurde die Gewerbeschule erneut ihrem Auftrag als Unesco-Projektschule gerecht. Hubert Gobs, der die Jugendlichen seit vielen Jahren begleitet, erläuterte, dass der Nachwuchs sich mit der Geschichte vor Ort auseinandergesetzt habe, die ein Unterricht nicht vermitteln könne. Dass der Ausflug von Erfolg gekrönt gewesen sei, habe man beim Abschied gemerkt. „Es waren herzergreifende Szenen mit vielen Tränen und Umarmungen. Es sind richtige Freundschaften entstanden“, sagte Gobs. „Alles in allem war es wieder eine tolle Geschichte zur Völkerverständigung.“

Unterstützung erhielt die Besuchergruppe in Sandanski von Lussy Karaivanova, der lokalen Repräsentantin der Kriegsgräberfürsorge, die seit 1998 die Jugendbegegnung betreut und seit mehr als 20 Jahren in Bulgarien letzte Ruhestätten im Ersten und Zweiten Weltkrieg gefallener deutscher Soldaten in gutem Zustand hält. Im Mittelpunkt der Arbeit der Jugendlichen standen Arbeiten auf Soldatenfriedhöfen. Beispielsweise in Sandanski, wo 19 deutsche Tote des Ersten und 16 Tote des Zweiten Weltkrieges bestattet sind, oder in Marino Pole, wo es Steinplatten mit den Namen von 369 deutschen Toten gibt.

Besucht wurde auch das Fliegergrab Roshen, benannt nach der nächsten Ansiedlung im Gebirge. Auf einem Gedenkstein stehen hier die Namen von vier deutschen Soldaten – die Besatzung eines Bombers vom Typ Junkers JU 88, der am 16. April 1941 auf dem Rückflug von einem Angriff auf Griechenland wenige Meter oberhalb des heutigen Grabes abgestürzt war. Das Grab war in Vergessenheit geraten, bis sich Jugendliche im Rahmen der Jugendbegegnung 1998 der Sache annahmen. Auf allen Friedhöfen wurde Unkraut und Müll entfernt, Namenstafeln ausgemalt sowie
Hecken geschnitten.

Gewandert wurde auf dem von der Jörg-Zürn-Schule im Jahr 2000 angelegten internationalen Friedenspfad im Piringebirge, für den Holzschilder hergestellt wurden. Auch fertigten die Jugendlichen ein Plakat anlässlich 100 Jahre VDK an, welches in der Gewerbeschule ausgestellt werden wird. Ergänzt wurde die Arbeit durch verschiedene Workshops. Zudem wurde ein bulgarischer Volkstanz erlernt. „Von diesem Reigen waren alle sehr angetan“, erinnert sich Gobs.

Die Gruppe besuchte die griechische Gedenkstätte Kerdyllia, wo die SS im Zweiten Weltkrieg Männer im Alter zwischen 15 und 65 Jahren erschießen ließ. Besonders angetan waren die Jugendlichen hier von einer Begegnung mit dem 92-jährigen Zeitzeugen Panajotis Ziangas, der sich an die Ereignisse im Oktober 1941 erinnerte. Nach Darstellung der Schüler Lukas Haas und Nikolas Jasper erlebte der damals 14-Jährige, wie deutsche Soldaten sein Heimatdorf umzingelten, die Dorfbewohner zusammentrieben und Frauen und kleine Kinder von den Männern trennten. Er sei aufgrund seines Alters weggeschickt worden. Anderntags habe er 140 erschossene Männer und das niedergebrannte Dorf erleben müssen. „Das zu hören war sehr ergreifend“, so Gobs. Abschließend habe Panajotis allen noch ein beeindruckendes Zitat mit auf den Weg gegeben: „Wenn du etwas von jemanden anderen bekommst, dann sind deine Hände voll, aber wenn du etwas gibst, dann ist dein Herz voll.“

Den Abschluss bildete eine Feier auf dem Friedhof in Sandanski, bei dem ein Flugzeugflügel des 1941 abgestürzten Bombers einbezogen wurde. „Der 2,50 Meter lange und einen halben Meter breite Flügel war erst vor kurzem gefunden und akribisch gesäubert worden“, sagte Gobs. Auf den Flügel klebten die Jugendlichen Zettel mit ihren Eindrücken der Begegnung. Dort hieß es: „Die Soldaten sind sehr jung gestorben. Es ist traurig, dass sie ihre Träume nicht mehr verwirklichen konnten.“ Oder: „Warum gibt es immer noch Krieg, obwohl man aus den Kriegen der Vergangenheit bemerkt haben sollte, wie grausam Krieg ist?“

Gewerbeschule Überlingen

Die Jörg-Zürn-Gewerbeschule feierte im Jahre 2012 ihr 175-jähriges Bestehen. Damit ist sie eine der ältesten Gewerbeschulen Badens. 60 Lehrkräfte unterrichten rund 700 Schüler. Unter einem Dach sind die Gewerbliche Berufsschule, das Technische Gymnasium, Berufs- und Berufsfachschulen sowie drei Berufskollegs zusammengefasst. Einige Berufe werden nach dem klassischen dualen System (Betrieb und Schule) unterrichtet, andere im Vollzeitunterricht. Seit 1988 gehört die Schule mit weiteren 200 deutschen Schulen dem weltweiten Schulnetzwerk der Unesco-Projektschulen an. Diese Schulen orientieren sich innerhalb und außerhalb des Unterrichts an der Idee der Verständigung, des interkulturellen Lernens und einer nachhaltigen Lebensweise. Seit 1993 nimmt die Schule an Jugendbegegnungen in Osteuropa im Auftrag des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge (VDK) teil.

Bei der Arbeit an den Gräbern und der Auseinandersetzung mit Einzelschicksalen sollen die jungen Menschen erkennen, wie wichtig Völkerverständigung, Respekt, Toleranz und das persönliche Engagement auch heute und in Zukunft für die Wahrung des Friedens sind.


Holger Kleinstück, Südkurier Überlingen, 22.08.2019