> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 06. März 2001
 

Ein Jahr Berufskolleg – und dann ?

Schüler lernen für „Technik und Medien“, doch nur Teil kann in Tettnang weitermachen

Überlingen – Sie machen einen gefrusteten Eindruck, die 24 Schüler, die derzeit das einjährige Berufskolleg, „Technik und Medien“ an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule besuchen. Erstmals wird diese Ausbildung in diesem Jahr angeboten, die Teilnehmer kommen auch aus den benachbarten Kreisen. Mit der bisherigen Ausbildung sind sie völlig zufrieden, doch sie sehen für sich keine Zukunft – obwohl gerade ihre Lernschwerpunkte der Medien- und Informationstechnik Zukunft haben. Der Kultusministerin hatten sie in Nussdorf ihre Situation und ihre Sorgen geschildert, doch konkrete Hoffnung machte ihnen Annette Schavan nicht.

Sie haben ganz unterschiedliche Vorgeschichten, kommen von der Realschule, dem Gymnasium oder haben schon eine handwerkliche Ausbildung hinter sich. Auch das Altersspektrum reicht von 18 bis 28 Jahre. Mancher älterer Schüler hatte daher besonders große Hoffnungen. „Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich mich vielleicht für einen anderen Weg entschieden“, sagte Philipp Stratkemper enttäuscht. Er ist 23 Jahre alt, hat nach einer Schreinerlehre die Mittlere Reife nachgemacht und sich nach seinem Zivildienst von der neuen Richtung viel versprochen. Doch nach dem einjährigen Berufskolleg haben die 24 Schüler am Ende lediglich ein Zeugnis, keinen besonderen Abschluss. Nur die besten acht bis zehn haben die Chance, an der Elektronikschule in Tettnang das Berufskolleg „Technik und Kommunikation“ dranzuhängen und mit einem Zusatzunterricht auch die Fachhochschulreife zu erwerben.

In Überlingen haben sie sich mit den Grundlagen in angewandter Technik, Mediensoftware und Deutsch mit Blick auf betriebliche Kommunikation befasst. In ihrer Prüfungsarbeit ist eine multimediale Präsentation vorgesehen. Alles wichtige Lernbereiche, die aus Sicht der Schüler mit nur einem Jahr „halb-professionell“ bleiben, obwohl man gut darauf aufbauen könnte.

Nicht ganz so dramatisch sieht Schulleiter Kurt Boch die Situation. „Die Schüler haben die Situation durchaus gekannt“, sagte Boch. „Es war auch nie so gedacht, dass alle das zweite Jahr absolvieren.“

Haben sich in viele Grundlagen der Computer- und Medientechnik eingearbeitet und sehen sich jetzt in einer Sackgasse: Die Schüler des einjährigen Berufskollegs "Technik und Medien" an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule.

Foto: Walter

Zum einen bestehe außer in Tettnang auch noch in Singen die Möglichkeit, das zweite Jahr anzuschließen; zum andern sei das eine Jahr eine gute Grundlage für eine betriebliche Ausbildung zum Fachinformatiker oder einem anderen neuen Berufsbild der Informationstechnologie.

Doch hier wird’s eng, da die Absolventen des ersten Jahres aus Wangen, Tettnang und Überlingen zusammentreffen und sich um die Plätze in der einzigen Klasse balgen müssen. Zumindest bildlich, denn ausgewählt wird natürlich streng nach Noten.

“Wir fordern daher, dass das zweite Jahr auch in Überlingen eingeführt wird“, sagt Vincenzo Mastrangelo. Die Schüler wollen sich in Richtung Grafik-Design, Web-Design und Ähnliches orientieren und sehen auch gute Berufschancen. „Was wir machen, hat Zukunft“ – das wissen sie und verweisen auf die vielbeschworene „Greencard“. Man solle doch die Leute hier einfach ausbilden, beklagen die Schüler, dass vorsaussichtlich zwei Drittel von ihnen auf der Strecke bleiben – oder zumindest nicht so weitermachen können wie erhofft.

 
 
 

Hanspeter Walter, Südkurier, 06.03.2001

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