> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 04. Januar 2001
 

Verantwortung statt kollektiver Schuldgefühle

Schüler des Technischen Gymnasiums Überlingen
nahmen als Besucher beim Ravensburger Viel-Prozess teil

"Ich wollte dem Mann schon ins Gesicht schauen". So umriss ein Schüler seine Beweggründe. Wie sieht ein Mensch aus, der wegen siebenfachen Mordes vor Gericht steht? Lässt sein Mienenspiel erkennen, ob ihn die Zeugenaussagen innerlich berühren? Ähnliche Fragen, ähnliches Interesse bewegten sicherlich auch die anderen Abschlussklassen-Schüler des Technischen Gymnasiums Überlingen, als sie an einem Verhandlungstag beim Ravensburger Viel-Prozess teilnahmen.

Zur elften Sitzung des bislang auf siebenundzwanzig Verhandlungstage veranschlagten Verfahrens gegen den ehemaligen SS-Untersturmführer Julius Viel reisten die Überlinger Schüler nach Ravensburg. Dies schon sehr früh morgens, denn im Zuschauerbereich des unteren Sitzungssaales im Landgericht sind die Sitzgelegenheiten rar. So groß ist das öffentliche Interesse, so viele Besucher kommen täglich.

Für Oswald Burger war es keine Frage. Zu diesem Prozess musste er mit seinen Schülern hinfahren. Das Thema Nationalsozialismus hatte er mit ihnen im Geschichts-, im Gesellschaftskunde und jüngst auch im Deutschunterricht behandelt. Was in den Jahren zwischen 1933 und 1945 in Deutschland oder durch Deutsche geschah, beschäftigt die Schule mittlerweile beinah mehr als frühen Zumindest sind die Blickwinkel vielfältiger, sind die Fragestellungen offener als im Gesinnungsunterricht der 70er Jahre.

Ein sogenannter NS‑Prozess wirft zwangsläufig Probleme auf. Einmal ist es die zeitliche Distanz zu den Geschehnissen.

Dann entstehen in der Regel auch Zweifel, ob eine Sache, die so lange vorbei ist, überhaupt noch mit der angemessenen Sicherheit vor Gericht verhandelt werden kann. Bekanntlich spielt die Erinnerung bereits nach wesentlich kürzeren Fristen ihr Streiche. In diesem Punkt urteilen die Schüler erstaunlich sachorientiert: Morde verjähren nicht. Einen "ganz normalen" Raubmörder würde sein hohes Alter auch nicht schützen, wenn man ihn erst viel später entdeckte.

Und doch stand irgendwann die Frage im Raum - gestellt von einem Mitschüler türkischer Herkunft. "Wie lange wollt ihr euch eigentlich noch für schuldig halten?" Von Schuldgefühlen der persönlichen Art war bei den Antworten kaum die Rede. Dafür fiel häufig das Wort Verantwortung.

Andere Erklärungen liefen darauf hinaus, dass an der bösen Vergangenheit gearbeitet werden muss, um ähnliche Fehler in Zukunft zu vermeiden. Und wenn andere Gesellschaften ihre Vergangenheit nicht aufarbeiten, ihre Kriegs- oder Menschenrechtsverbrecher nicht zur Rechenschaft zögen, man das als notwendig Erkannte trotzdem weiter verfolgen.

Einen "Nazi, siebenfachen Mörder und Monster" konnten die Schüler Ravensburger Gerichtssaal nicht entdecken Sie beobachteten einen alten Mann, "der sich am Prozess nicht mehr beteiligt", der sein Gesicht, "hinter einem Vorhang verbirgt". Sie hörten aber auch Zeugen mit schlimmsten Erinnerungen und andere, die sich, was die Schüler empörte, nur noch an Anekdotisches erinnern.

 
 
 

Jörg Büsche, Südkurier Überlingen, 04.01.2001

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