> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 27. Oktober 2000
 

Friedensarbeit über die Grenzen hinweg

Jugendbegegnung und Gräberpflege auf Soldatenfriedhöfen -
Gruppe der Jörg-Zürn-Schule in Bulgarien

Überlingen (hpw) Unterwegs sind sie im Auftrag des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge und pflegen Soldatenfriedhöfe in osteuropäischen Ländern. Doch mindestens ebenso wichtig ist den Schülern und Auszubildenden der Jörg-Zürn- Gewerbeschule die Begegnung mit jungen Menschen in den Ländern. Zum achten Mal war eine Gruppe in Sachen "Friedensarbeit" unterwegs, zum dritten Mal in Folge jetzt in Bulgarien. Ein für alle Beteiligten beeindruckendes Erlebnis, von dem sie auch eine gewisse Nachdenklichkeit mitgebracht haben. 

Grabsteine zu schrubben, ist weder für die Schüler noch für die begleitenden Lehrer Ideologie. Auch auf einem internationalen Soldatenfriedhof in Dobriz nahe des Schwarzen Meeres waren sie beim jüngsten Aufenthalt aktiv. "Ganz begeistert ist der Volksbund darüber nicht", gibt Begleiter Karl Barth offen zu, der vor acht Jahren die Zusammenarbeit begann: "Doch das stört uns wenig." Hier in Dobritsch liegen Soldaten von sieben Nationen und drei Religionen auf einem Gelände nebeneinander begraben, Russen und Deutsche, Bulgaren, Österreicher,... Die Grabsteine tragen christliche, jüdische und moslemische Symbole. Was könnte besser symbolisieren, dass es bei einem Krieg nur Verlierer und großes Leid gibt.

Nicht nur hier arbeiten die jungen Deutschen gemeinsam mit Jugendlichen von der Partnerschule aus Varna - und kamen so schnell intensiven Kontakt miteinander. "Schon auf dem Flughafen sind wir mit Blumen empfangen worden", erinnert sich der 22-jährige Christian Friedel, der zu Zeit seine Ausbildung zum biologisch-technischen Assistent macht, an die Gastfreundschaft.

Erstaunt waren die Gäste vom Bodensee, dass die meisten jungen Bulgaren bestens Deutsch sprachen. Doch nicht nur sprachlich, auch menschlich verstanden sie sich gut; Freundschaften entwickelten sich, die über E-Mail oder SMS-Mitteilungen auch einige Wochen später noch gepflegt werden. Spätestens jetzt ist Christian Friedel sicher, dass gerade solche Begegnungen den Frieden für die Zukunft sichern können.

Vom deutschen Soldatenfriedhof in Pleven hatte nicht einmal der Volksbund Kenntnis, die Überlinger verhalfen ihm zu einem würdigerem Bild.

"Arbeit für den Frieden" steht auf den T-Shirts der Jugendlichen aus Überlingen und Varna, die zwei Wochen lang gemeinsam Soldatenfriedhöfe und Gräber pflegten.

Beim Aufspüren haben ihnen die Partner von der UNESCO-Schule in Varna mit Recherchen geholfen, zu der nicht nur der aus Bulgarien stammende Überliner Lehrer Ognian Serafimov gute persönliche Kontakte hat. "Wo wir hinkamen, war dies zugleich eine Initialzündung für die jeweiligen Gemeinden, selbst aktiv zu werden", hat Bernhard Schnetter, ebenfalls seit Jahren Mitorganisator und Betreuer der Jugendgruppe, festgestellt. So arbeitete beim letzten Aufenthalt selbst ein Bürgermeister mehrere Tage an der Gräberpflege mit.

"Auf den Friedhöfen haben wir auch Begegnungen erlebt, die sehr tief gingen", ist Marc Thomke (26), angehender Schreiner, jetzt noch bewegt. Eine alte Frau, die selbst kaum das Nötigste besaß, brachte den Jugendlichen zu essen und trinken. Was dies bedeutete, erfuhren die Gäste spätestens, als sie große Diskrepanz zwischen dem touristisch geprägten Varna und der extremen Armut im kleinen Dorf Lomci erlebten. "Das war für uns schon erschreckend", beschreibt auch Katharina Gneiding (21) diese Erfahrung. Hundertprozentige Arbeitslosigkeit herrscht auf dem Lande, die Menschen ernähren sich vom eigenen kleinen Garten. "Und dennoch haben wir nie jemand gehört, der gejammert hätte", ist Marc Thomke erstaunt. 

Der Kultur auf der Spur waren die Schüler allerdings auch. Für Besichtigungen und Ausflüge stand immerhin noch ein halber Tag zur Verfügung, der das Bild des Landes Bulgarien abrundete. Dass die Jugendbegegnung ihr Ziel erreicht hat, belegt nicht nur die Notiz, die Partnerschüler aus Varna nach einem gemeinsamen Abend in ihr Tagebuch schrieben: "Es herrscht so eine Stimmung, dass man wirklich daran denkt, es soll nie wieder Kriege geben, es soll immer heißen: Arbeit für den Frieden!"

 
 
 

hpw, Südkurier Überlingen, 27.10.2000

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