> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 05. September 2001
 

Auf den Spuren eines grausamen Massakers

Überlinger Berufsschüler in Bulgarien und Griechenland - Friedenspfad fortgesetzt

Die Szene ist gespenstisch: Keiner sagt ein Wort. 37 Grad Hitze - da bilden sich Schweißperlen noch und nöcher. Und dennoch: Über Minuten hinweg rührt sich keiner der 21 Überlinger Berufsschüler von der Stelle. Denn jeder Einzelne von ihnen ist nachdenklich, betroffen, erschüttert. Alle blicken auf ein hohes, steinernes Kreuz, am Rande des griechischen Dorfes Kerdyllia. Dort erschossen am 17. Oktober 1941 deutsche Soldaten und SS-Männer 250 Dorfbewohner, Frauen, Männer, Kinder Greise. 

Dass nun, 60 Jahre später, 21 angehende  Schreiner und biologisch-technische Assistentinnen aus Überlingen an diesen Ort des Schreckens zurückkehren, hat eine Vorgeschichte. Seit vier Jahren machen sich Gruppen der Jörg- Zürn-Gewerbeschule regeImäßig im Sommer auf den Weg nach Bulgarien. Dort pflegen sie in den Städten Sandansky und Goze Deltschev im
Auftrag des Volksbundes Deutsche
Kriegsgräberfürsorge die Gräber gefallener deutscher und bulgarischer Soldaten.

Nachdenklichkeit kommt bei den Überlinger Schülern bei der Gestaltung der Gedenktafeln in Bulgarien

"Doch mindestens ebenso wichtig wie die Gräberpflege ist die Begegnung mit Schülerinnen und Schülern aus Bulgarien", erläutert Begleitlehrer Karl Barth den Sinn dieser Reisen. Denn abseits solcher Begegnungen gibt es für deutsche Jugendliche kaum die Möglichkeit, für zwei Wochen mit Gleichaltrigen aus einem fremden Land wie Bulgarien zusammenzuarbeiten und die Freizeit gemeinsam zu verbringen. Da kommt Verständnis auf für die jeweils andere Kultur. "Und 
das ist", so Barth, "in Zeiten eines zusammenwachsenden Europas wichtiger denn je."

Bei den Jugendbegegnungen in Bulgarien blieb eine Konfrontation mit dunklen Seiten der Geschichte nicht aus: Die Schülerinnen und Schüler fragten nach, warum in den Dörfern und Städten des bulgarischen Piringebirges so viele deutsche Soldaten begraben liegen. Die meisten fielen im  Alter zwischen 17 und 20 Jahren - also in etwa dem Alter in dem die Überlinger Jugendlichen auf ihren Berufsschulabschluss zusteuern. Und das macht betroffen.

Die Antwort auf die Schülerfragen geben Zeitzeugen vor Ort: Viele Bulgaren erinnern sich noch an den Beginn der 40er Jahre, als deutsche Truppen in Bulgarien stationiert wurden, um kurze Zeit später gemeinsam mit bulgarischen Verbänden nach Griechenland einzufallen.

Irgendwann bei einer dieser vorausgegangenen Jugendbegegnungen erfuhren die Überlinger  Schüler vom Massenmord von Kerdyllia. Bis heute gibt es keine Antwort auf die Frage, weshalb deutsche Soldaten und SS-Leute am 17. Oktober 1941 auf brutalste Art 250 Dorfbewohner ermordeten. Historiker schließen eine 

Vergeltungsaktion nicht aus, möglicherweise für einen Partisanenattentat. "Die Versammelten blickten stumm in die Maschinengewehre, die rundherum auf sie gerichtet waren, und in ihrem Blick zeichnete sich unerbittlich die Frage: Warum? Gleich darauf ertönten die Gewehre, und ihre Kugeln durchbohrten die Körper der versammelten Dorfbewohner", heißt es in einem im griechischen Kerdyllia erschienenen Aufsatz, der ins Deutsche übersetzt wurde.

Nun, knapp 60 Jahre später, der Besuch der Überlinger Schülergruppe am Ort des Grauens, rund 200 Kilometer vom Ort der Jugendbegegnung in Bulgarien entfernt: "Wir wussten nicht, wie man uns dort empfangen würde", so Karl Barth. Denn noch heute ist in Kerdyllia das Grauen alltäglich präsent, das deutsche Schergen vor 60 Jahren dort angerichtet hatten: Kaum eine Familie, die nicht Opfer aus dem damaligen Massaker zu beklagen hätte - entsprechend heikel erschien die Mission der Berufsschüler.

"Doch von Ressentiments keine Spur", so Bernhard Schnetter, der als zweiter Begleitlehrer mit dabei war: "Die Leute waren überaus freundlich zu uns." Nach anfänglichem Stocken kamen fruchtbare, ja freundschaftlich Gespräche zu Stande. "Die Leute
haben sich richtig gefreut über unseren Besuch", so Schnetter, "vor allem aber darüber, dass sich gerade junge Menschen aus Deutschland für das Schicksal des kleinen Dorfes interessieren". Nur eine Mahnung gaben die griechischen Dorfbewohner der Überlinger Gruppe mit auf den Weg: "Sorgt, wenn Ihr könnt, dafür, dass so etwas nie wieder passiert!"

Das wiederum ist Hauptmotiv für die internationalen Jugendbegegnung, die der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge seit über zehn Jahren mit Ländern aus Ost- und Südosteuropa organisiert. "Versöhnung über den Gräbern" heißt das Motto, das sich die Jörg-Zürn-Gewerbeschule bereits seit Anfang der 90er Jahre zu eigen gemacht hat. So fuhren Überlinger Schulklassen in ähnlicher Mission bereits nach Polen, Slowenien, Ungarn, Rumänien sowie in die Slowakische Republik.

Zurückgekehrt von ihrem Tagesflug in Griechenland, legten dann 21 Überlinger Schülerinnen und Schüler trotz glühender Hitze ordentlich Hand an: Sie halfen bei den anstehenden Sanierungsarbeiten auf den Soldatenfriedhöfen. Darüber hinaus setzten sie die Arbeiten an jenem Internationalen Friedenspfad fort, den eine Klasse der Jörg-Zürn- Gewerbeschule im Piringebirge bereits vor zwei Jahren begonnen hatte - unmittelbar nach Ende des Kosovo-Krieges.

 

Einen "internationalen Friedenspfad" legten die Überlinger Schüler im bulgarischen Pirin-Gebirge an.
Bilder: Schnetter

 
 
 

Thomas Wagner, Südkurier Überlingen, 05.09.2001

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