> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 11. Januar 2003
   

Eine Stadt und TG 11 räumen auf

Ein Schüler des Technischen Gymnasiums über den Arbeitseinsatz seiner Klasse an der Elbe

Von Marcel Rothmund, TG 11

Angekommen: Am Abend beim Verlassen des Bahnhofes, auf der anderen Seite der Elbe, entdeckt man noch die letzten großen Pfützen auf der Straße und in die Nase steigt ein leichter Geruch von modrigern Wasser. Nach der Fahrt mit der Flussfähre erwartet man eine Stadt, deren Straßen mit Dreck und kaputten Möbeln bedeckt sind. Doch diese Vorstellung trifft in Bad Schandau nicht mehr zu. Überlingens Partnerstadt ist jetzt ruhig, sie sieht einigermaßen ordentlich aus. Die Straßen und Wege sind gesäubert worden und die Schäden durch das Elbehochwasser sind erst zu erkennen, wenn man die Gebäude genau ansieht, am Tag, wenn an ihnen gearbeitet wird.

Auf dem beleuchteten Marktplatz steht neben einem Lastwagen, in dem die Stadtbücherei provisorisch untergebracht ist, ein Bierstand, an dem drei Einwohner noch ihr letztes Bier austrinken. Der "Standwirt" und seine Gäste schauen etwas misstrauisch auf die Schulklasse aus Überlingen, welche soeben angekommen und auf dem Weg zur Jugendherberge ist. Eine Woche lang wird die Elfte des Technischen Gymnasiums Überlingen den Menschen in der Partnerstadt beim großen Aufräumen helfen.

Die Wände der Häuser sind feucht und an vielen wurde der nasse Putz schon entfernt. Wenn man durch die kaputten, von Öl und Schlamm verdreckten Fenster schaut, sieht man nur feuchte, leerstehende Räume, die tagsüber von oben bis unten mit Hämmer und Meißel bearbeitet werden. Die Stadt erscheint unbelebt, als hätte das zurückgegangene Hochwasser die Einwohner mitgenommen. Doch wenn die Gruppe am frühen Morgen in den Straßen zum Rathaus läuft, um zur Arbeit eingeteilt zu werden, nimmt sie den unüberhörbaren Krach von elektrischen Bohrmeißeln und Presslufthämmern wahr.

Der Mann, der die Arbeit in der Stadt koordiniert, vor allem jene, die über ABM ("Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen") -Stellen eingesetzt eingesetzt sind, hat sein notdürftiges Büro in der Garage des Rathauses. Er ist im ersten Moment unbeholfen, als er die Schüler aus Süddeutschland sieht, die freiwillig arbeiten wollen. Doch es gelingt ihm, alle Helfer in Gruppen an verschiedenen Orten einzusetzen. Eine davon wird nach Krippen, einem Teilort in der Nähe des Bahnhofes gefahren, um dort den Radweg an der EIbe wieder instand zu setzen. Die Helfer finden am Arbeitsplatz nur einen einzigen Ortsansässigen vor; sonst ist er arbeitslos, seit der Katastrophe wird er für Wiederaufbauarbeiten bezahlt. Der Mann schürt ein Feuer aus alten Türen und Brettern. Er sieht müde, strapaziert und ausgelaugt aus. Er zählt selbst zu den Opfern.

Der Alte schickt die beiden Schüler zu einem anderen Arbeiter, da er über die Einteilung auch nicht richtig Bescheid weiß. "Geht zu dem da hinten, der hat Arbeit für euch." Als der Rest der freiwilligen Helfer ankommt, tauchen dann andere ABM-Arbeiter auf. Unter ihnen ein Rentner, was sich aber erst später herausstellt. Er selbst arbeitet indes gar nicht mit, weil es Vorurteile gegen seine Altersgruppe gibt: "Die Rentner nehmen uns Arbeitslosen jetzt auch noch die Arbeit weg", tönt es von irgendwoher.

Kräftig zugepackt haben sie, die Schüler der TG 11 aus Überlingen. Eine Woche halfen sie bei Aufräumungsarbeiten in Überlingens Partnerstadt Bad Schandau. Dazu gehörte auch, die Wurzeln von Bäumen, denen das Elbehochwasser das Leben ausgehaucht hatte, aus dem Boden zu graben.

Zum Feuer tritt ein alter Mann dazu, welcher durch sein Aussehen und die unbeschwerte, fröhliche Art neugierig macht. Er trägt einen alten Mantel und seine lederne Mopedkappe stammt auch aus früheren Zeiten. Während er die Holzreste aus seinem Blecheimer auf das Feuer kippt, beschreibt er, was in den letzten Wochen geschehen war: Die Elbe ließ mit dem HochwasserAutos, Bäume, Wochenendhäuser und in Tschechien losgerissene Lastkähne hierher treiben. Die ungesteuerten Schiffe stellten eine große Gefahr für Stadt und Brücke dar und wurden deshalb mit Hubschraubern gezielt von oben gesprengt, so dass sie sanken. Somit waren sie ungefährlich und wurden nach dem Hochwasser aus der Elbe herausgeholt. Doch man befürchtete, dass die Brücke, welche am Ortsausgang von Bad Schandau steht,

dem Druck der riesigen Wassermassen nicht standhalten würde. Glücklicherweise entkam die Brücke dem Sprengmeister und stellt immer noch die wichtige Verbindung her.

Der alte Anwohner, der auf sein zerstörtes Haus zeigt, kennt die Elbe nur zu gut. Hochwasser von einem Meter in der Stadt ist für ihn schon normal. Aber mit der Katastrophe von diesem Jahr hatte selbst er nie gerechnet. Die Gegend ist gezeichnet davon und manche Häuser unten an der Elbe werden wegen der starken Beschädigungen wahrscheinlich abgerissen.

Auf dem Weg zur Jugendherberge sieht man, dass wieder einige Geschäfte geöffnet sind. Hier spürt man nichts von Stress und Trubel, wie es in anderen Städten der Fall ist. Nicht vie

le Menschen sind anzutreffen. Bleibt man stehen, um ein Foto zu machen, wird man kritisch angeschaut, als wäre fotografieren unerwünscht. Trotz der Arbeitskleidung der Schüler, die wird hier von vielen getragen, erkennen die Einwohner, dass die Gruppe der Helfer nicht aus Bad Schandau ist.

Manchmal entdeckt man Schilder oder Laken, auf denen die Bürger den Helfern danken, die hier schon tätig waren und denen, die es noch sind. Auch die Angestellte im Getränkeladen fragt, wie lange die Klasse denn noch hier bleibt. Bürgermeister Andreas Eggert erwähnt in seinem Dank am Ende der Woche, dass er und seine Mitbürger und Mitbürgerinnen nie mit so vielen Spenden und Helfern gerechnet hätten.

Ihren ganz eigenen Beitrag zum "zweiten Aubau Ost", wie ein Schüler treffend schrieb, wollte die elfte Klasse des Technischen Gymnasiums Überlingen leisten. 31 Schüler und eine Schülerin der Jörg-Zürn-Gewerbeschule waren Anfang Dezember eine Woche in Bad Schandau, um in der vom Elbehochwasser des vergangenen Jahres schwer heimgesuchten Stadt mit anzupacken. Ihr Deutschlehrer, Oswald Burger, auf Initiative des Stadtrats kam die Aktion zustande, forderte aber auch geistige Arbeit ein.
Die Schüler sollten das Erlebte in einer Zeitungsreportage zusammenfassen - schließlich befasst sich die TG 11 gerade über das SÜDKURIER-Projekt "Klasse" mit dem Thema Tageszeitung. Ein besonderes Bonbon: Die beste Reportage sollte veröffentlicht werden, war mit dem SÜDKURIER vereinbart. Uns so fungierte dessen Lokalchef Martin Baur als "Zweitkorrektor". Nach schwerer Entscheidung, ein gutes Dutzend der Berichte wäre mehr oder weniger druckreif gewesen, entschied er sich für die Schilderung des 17-jährigen Marcel Rothmund aus Salem-Neufrach. Er wird für seine Leistung übrigens nicht  nur mit dem Abdruck hier belohnt, sondern auch mit einer "Eins" in der Schule.

 
 
 

Marcel Rothmund, TG 11, Südkurier Überlingen, 11.01.2003

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