> Pressespiegel > Bericht: HALLO ÜBERLINGEN, 12. Dezember 2002
   

Hundert Tage nach der Flut

Überlinger Schulklasse arbeitet in Bad Schandau

Als sie am Sonntagabend mit der Fähre "Sebnitz" vom Bahnhof zur Stadt Bad Schandau übersetzen, rücken sie näher zusammen. Es ist dunkel und kalt. Was sie über die Folgen der sommerlichen Flut wissen, ist noch nicht sichtbar. Die Stadt liegt ruhig da. Was fehlt, merkt man erst beim zweiten Hinsehen: kein Gasthaus ist geöffnet, die Schaufenster der Läden sind unbeleuchtet und blind. Kein Mensch ist unterwegs. Über den Lutherweg steigen sie in die Ortschaft Ostrau hinauf, die auf der Hochebene oberhalb des Elbtals liegt. Die Herbergseltern Zuber begrüßen die Jugendlichen freundlich in der alten und gemütlichen Jugendherberge.

Am anderen Morgen werden die Schäden sichtbar. An allen Gebäuden im Stadtzentrum ist ein Schmutzrand in 3,90 Metern Höhe zu sehen, das ist höher als der Fußboden im ersten Obergeschoss. Vielfach ist an Privathäusern der Putz auch schon abgeschlagen. Zwei Geräusche sind aus vielen Gebäuden zu hören: das Blasen von elektrischen Trocknern und Ventilatoren und das Klopfen von Elektrohämmern.

In der Rückwand des Schiffs der Kirche am Markt sind alle früheren großen Überflutungen mit eingemeißelten Datumszahlen markiert. Der Höchststand bisher war im März 1845 mit rund 3 Metern über der Fußbodenhöhe erreicht worden. Rund zwei Meter hoch stand das Wasser in den Jahren 1862,1784 und 1890. Alle anderen Überschwemmungen lagen darunter (1799, 1805, 1814, 1830, 1865, 1876, 1900, 1920 und zuletzt 1940). Viele Gespräche drehen sich um die Gründe für dieses Ereignis, das für die Gegend nicht ganz unüblich ist, aber in diesem Ausmaß noch nie erlebt wurde. Die Klasse hatte ihre tatkräftige Hilfe angeboten und war von der Bad Schandauer Stadtverwaltung angefordert worden. Da auch der Bauhof zerstört wurde, findet die Arbeitseinteilung vor dem Rathaus statt. Die Werkzeuge und Geräte kommen zum Teil aus Überlingen. Die 31 jungen Leute und ihre beiden Lehrer werden in einzelne Arbeitsgruppen eingeteilt.

Einige räumen am Bad Schandauer und Krippener Elbufer Unrat auf, streichen ein wiedererrichtetes Geländer am Radweg und sortieren aus den von den Wassermassen abgeschwemmten Erdhalden Pflastersteine wieder heraus. Andere roden unter Anleitung von Stadtgärtner Harry Boldt umgestürzte Bäume und Baumstümpfe im Stadtpark. Dort sind im Übrigen die Überlinger Spuren unübersehbar. Der dünne Ginkgobaum, der zum zehnjährigen Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen Überlingen und Bad Schandau vor zwei Jahren gepflanzt worden war, hat die Flut offenbar überstanden.

Über und über staubig sind die jungen Männer, die im Erdgeschoss des Heimatmuseums den Putz von den Wänden hämmern - das Museum war erst kurz vor dem Hochwasser neu renoviert worden.

Auch in einer städtischen Mietwohnung in der Sendigstraße 5 rattern die Elektrohämmer. Die Räume hier liegen immerhin so hoch, dass die Menschen im ersten Obergeschoss nach der großen Flut in ihre Wohnung zurückkehren konnten. Eine Halle der brach liegenden ehemaligen LPG in Altendorf findet neue Verwendung für eines der drei Hilfsgüterlager. Dort werden Möbel, Wäsche, Geschirr, Besteck, Spielzeug und Geräte aller Art gelagert, sortiert und bereitgehalten für Bedürftige. Derzeit ist der Bedarf deshalb nicht groß, weil die meisten zerstörten Wohnungen noch nicht wieder bezugsfertig sind. Erst wenn alle porösen Materialien in Wänden und Decken entfernt, die Gebäude getrocknet und wieder neu ausgebaut sind, kann an eine Möblierung und an die Rückkehr der Bewohner gedacht werden. Weil das noch dauert, muss das Hilfsgüterlager winterfest verbarrikadiert werden. Dabei helfen die Schüler mit.

Die Geschädigten leben derweilen bei Verwandten und Bekannten, nicht nur in der Region. Niemand hat einen genauen Überblick, auch nicht die Stadtverwaltung, denn auch ein großer Teil ihrer Akten fiel der Flut zum Opfer. Jedenfalls dürfte die Einwohnerzahl von Bad Schandau noch einmal dramatisch gesunken sein. Eine Gruppe Jugendlicher geht zum ersten Mal nach der Flut in die beiden öffentlichen Toilettenanlagen am Elbkai und beim Rathaus. Sie reißen die Kloschüsseln und Pissoirs, die Decken, Fliesen und den Verputz heraus. Es erscheint allen Verantwortlichen besonders wichtig, die Einrichtungen für Kurgäste und Touristen wieder herzurichten. Die beiden großen Kurkliniken in Bad Schandau sind belegt. Die Kirnitzschtalklinik im idyllischen Tal der normalerweise gemächlich dahinplätschernden Kirnitzsch wurde überflutet. Sie steht schon wieder im Glanz ihrer nun zum zweiten Mal restaurierten Gründerzeitarchitektur da. Die Falkensteinklinik oben in Ostrau war nicht betroffen. Für die Heilung der auf allen Straßen und Wanderwegen spazieren gehenden Patienten ist eine schöne und freundliche Stadt wichtig. Wann freilich das erste Café wieder in Betrieb geht oder wann man sich wieder im Haus des Gastes am Markt aufhalten kann, ist ungewiss. Eine letzte Arbeitsgruppe der Überlinger technischen Gymnasiasten arbeitet in der Bäckerei Förster, deren Backstube und Verkaufsräume völlig unter Wasser standen. Derzeit werden Backwaren nach Bad Schandau angeliefert und aus Verkaufswägen heraus verkauft. Auch ein Döner-Imbiss steht inzwischen auf dem Marktplatz. Und am 2. Dezember 2002 wird in einem Bus auf dem Markt die  Stadtbücherei wieder eröffnet. Während Handwerker bereits im vorderen Teil der Bäckerei die Wände verputzen und in der Backstube neue Geräte und Maschinen angeliefert werden, reißen die Schüler aufgeweichte Wände ein und entsorgen die morschen Balken und das nasse Baumaterial. Der Bauschuttcontainer steht am Marktplatz, so stehen die jungen Leute im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Während eine gewisse Zurückhaltung über den Gesprächen der einheimischen Menschen liegt, sind die Schüler laut und tatkräftig.

Die Bäckerfamilie Förster lässt sich die Adresse der Jörg-Zürn-Gewerbeschule geben, weil sie von der ersten Produktion von Weihnachtsstollen einen Teil nach Überlingen schicken will. Vielleicht wird das noch vor Weihnachten sein. Die Überlinger Elftklässler beklagen sich weder über Schmutz, noch Lärm oder Gestank. Für sie ist die Arbeit freilich am Donnerstag wieder zu Ende. Und sie ist eine willkommene Abwechslung zum Schulunterricht.

Am letzten Morgen bedankt sich der Bad Schandauer Bürgermeister Andreas Eggert bei den Überlingern. Obwohl man viele Ausgaben und derzeit kaum Einnahmen habe, übernimmt die Stadt Bad Schandau die Kosten der Jugendherberge für alle Helfer aus Überlingen.

Die Zugfahrt quer durch Deutschland finanzieren Spenderinnen und Spender aus dem Überlinger Wohnstift Augustinum. Das ist gelebter Generationenvertrag: die Älteren wollen helfen und können es nicht, die Jüngeren können arbeiten und haben kein Geld für die Reise. So tun beide ihre Stärken zusammen und verwirklichen das Nötige.

Dass die Tage mit schwerer Arbeit und in einer teilweise bedrückenden Atmosphäre viel Nachdenklichkeit erzeugten, war die eine Seite, auf der anderen Seite hatten die Jugendlichen eine fröhliche Woche, die mit einem Besuch in Dresden und mit einem Fest anlässlich des achtzehnten Geburtstags des Klassensprechers Frieder P. endete.

 
 
 

Oswald Burger, Hallo Überlingen, 12.12.2002

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