> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 02. Mai 2003
 

"Maschinen durch Menschen ersetzen"

Die Überlinger Freien Wähler tagten und informierten sich an den beruflichen Schulen

Überlingen - Die beruflichen Schulen sind immer am Puls der Zeit. Da sich die Anforderungen aus der Wirtschaft verändern, müssen Institute wie die Überlinger Justus-von- Liebig-Schule, die Jörg-Zürn-Gewerbeschule und die Constantin-Vanotti-Schule darauf reagieren. Insgesamt besuchen sie rund 2000 Schüler. Die Freie Wählervereinigung hielt ihre jüngste öffentliche Fraktionssitzung an den beruflichen Schulen ab.

Leider jedoch erregten die beruflichen Schulen meist nur dann öffentliches Interesse, wenn "Eltern ihre Kinder bei uns unterbringen wollen und wir zu wenig Plätze haben", meinte Gerhard Krimmer. Der Leiter der kaufmännischen Constantin-Vanotti-Schule informierte die Freien Wähler zusammen mit seinem Kollegen Kurt Boch von der technisch orientierten Jörg-Zürn-Gewerbeschule. Krimmer lobte den Bodenseekreis als "Schulträger allererster Sahne. Der Landkreis versorgt uns prima." Gleichzeitig bedauerte Krimmer den "Zentralitätsverlust" für Überlingen. So sei es schwierig gewesen, nach der Fusion der Sparkasse "die Bankkaufleute zu halten". Denn die ehemalige Sparkasse Konstanz habe ihre Auszubildenden bisher nach Radolfzell geschickt. Doch nach einem Qualitätsvergleich der Schulen in Radolfzell, Friedrichshafen und Überlingen hätten die beiden letzteren besser abgeschnitten. Krimmer: "Somit ist der Standort Überlingen erst mal gesichert." Immerhin gehe es um rund 20 Auszubildende, wovon knapp die Hälfte von der ehemaligen Sparkasse Konstanz komme.

Wie groß das Spektrum der beruflichen Schulen ist, verdeutlichten die Schulleiter. So reicht das Bildungsangebot der Jörg-Zürn-Gewerbeschule vom berufsvorbereitenden Jahr (BVJ), in dem Jugendliche den Hauptschulabschluss nachholen können, bis zum Technischen Gymnasium. Entsprechend gefordert sind Lehrer wie Hansjörg Straub, die unterschiedlichste Schüler unterrichten. Die Aufgaben in den BVJ-Klassen sind besonders groß. "Wir haben hier viele Schüler, die die Schule zuvor neun Jahre lang nur als Qual empfunden haben", berichtete Schulsozialarbeiter Dominik Erdinger. Deshalb müsse das Angebot über den Unterricht hinaus gehen, indem man Schüler etwa zu potenziellen Arbeitgebern begleite. Immerhin ein 

Die Schulleiter der Constantin-Vanotti-Schule, Gerhard Krimmer (links) und der Jörg-Zürn- Gewerbeschule, Kurt Boch (rechts), führten die Überlinger Freien Wähler bei ihrer jüngsten, öffentlichen Fraktionssitzung durch die beruflichen Schulen. 
Bild: Floetemeyer

Drittel könne nach dem BVJ direkt in eine Lehrstelle vermittelt werde.

Es gebe immer weniger Arbeitsplätze mit geringen Anforderungen, was ein großes gesellschaftliches Problem sei, weil viele junge Menschen gar keine Chance mehr auf Beschäftigung bekämen, meinte Straub. "Für schwache Hauptschüler bleibt am Ende gar nichts mehr übrig", fügte Erdinger hinzu. Krimmer meinte, es sollte eine Offensive geben, Maschinen durch Menschen zu ersetzen. Auch müsste man das Handwerk gesellschaftlich aufwerten. FWV-Stadtrat Jochen Meyer, Inhaber eines Sanitärbetriebs, meinte dazu, diese Aufwertung müsste auch über höhere Verdienste erfolgen. Er würde einem Gesellen, für den er rund 40 Euro pro Stunde verlangen müsse, lieber 25 statt 17 Euro ausbezahlen, statt derart hohe Lohnnebenkosten abzuführen.

Wünsche an die Stadt, mit der es "kaum Berührungspunkte" gebe, hatten die Schulleiter kaum. Diese könne die beruflichen Schulen strukturell unterstützen, so wie jüngst beim Bau eines Wohnheims, mit dem diesen Sommer begonnen wird. Da sehr viele Schüler von auswärts kämen, sei diese Unterkunft wichtig, da man sonst gegenüber anderen Schulen einen Standortnachteil hätte. In dieser Hinsicht wäre auch eine Bewirtschaftung der Parkplätze vor der Schule keine gute Idee, betonte der frühere Schulleiter der Jörg-Zürn-Gewerbeschule und Ex-FW-Stadtrat Eberhard Pross.

 
 
 

Sylvia Floetemeyer, Südkurier Überlingen, 02.05.03

nach oben