> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 10. April 2003
 

Katastrophe ist programmiert

Riesiger Ansturm auf berufliche Gymnasien und andere weiterführende Angebote

Überlingen - "Das könnte eine helle Katastrophe werden", sagt auch Gerhard Krimmer, Leiter der Constantin-Vanotti-Schule, die ab der elften Klasse neben dem Wirtschaftsgymnasium unter anderem auch die gefragten Berufskollegs I und II anbietet. Für insgesamt elf verschiedene Eingangsklassen sind 540 Anmeldungen eingetrudelt, die gesichtet werden mussten. An die Schüler ging bislang nur die Information, ob der geforderte Notendurchschnitt ausreicht und dass bis zum Ende des Schuljahres ein Ausleseverfahren stattfinden wird.

"Wir sind schon seit sieben, acht Jahren an der oberen Grenze dessen, was man aufnehmen kann", sagt Krimmer. Klassen mit 30 Schülern und mehr sind in den Vollzeitklassen die Regel. Krimmer: "Das geht häufig schon an die Substanz der Kollegen." Doch der Ansturm ist in diesem Jahr noch einmal gewachsen. Allein für das Wirtschaftsgymnasium, das mit drei Klassen geführt wird, haben sich 160 Schüler - überwiegend Realschulabgänger - beworben. Fast alle haben zumindest nach den Halbjahresnoten den formal geforderten Notendurchschnitt von 3,0 in den drei Hauptfächern Deutsch, Mathematik und erste Fremdsprache erfüllt. Selbst wer einen Schnitt von 2,6 vorweisen kann, muss auf das Prinzip Hoffnung setzen. Randvoll waren die drei Klassen mit jeweils 32 bis 34 Schülern schon in den letzten Jahren. "Doch die Politik will keine weiteren WG-Klassen mehr", sagt Krimmer, der Trend gehe eher zur Technik.

Doch auch die Technischen Gymnasien waren bisher von der Deckelung der Gesamtzahl betroffen. Locker zwei Klassen aufmachen könnte auch die Jörg-Zürn-Gewerbeschule für ihr Technisches Gymnasium, das derzeit einzügig ist. "Voll bis oben hin war die TG-Klasse mit 32 Schülern schon bisher", wie Schulleiter Kurt Boch betont. Doch im kommenden Schuljahr wollen 65 Schüler diesen 

Weg einschlagen. Aufgrund der Bewerbungsflut konnte auch nur ein Teil eine vorläufige Zusage bekommen. Selbst ordentliche Noten bringen nur einen Platz auf der Warteliste. "In diesem Jahr ist es besonders krass", sagt Boch. Und: "Selbstrelativ gute Schüler kommen da nicht zum Zug." Die definitiven Zusagen werden allerdings ohnehin erst nach dem Vorliegen der Abschlusszeugnisse getroffen. Verantwortlich für den großen Run macht Boch unter anderem die Tatsache, dass viele Ausbildungsplätze "weggebrochen sind" und dass an den vorhandenen immer höhere Anforderungen gestellt werden. "Den Eltern ist es dann natürlich lieber, dass ihre Kinder eine weiterführende Schule besuchen", sagt der Schulleiter. Hinzu kommt, dass derzeit ohnehin die stärksten Jahrgänge ihre Mittlere Reife machen.

An einen Strohhalm klammert sich Boch noch mit seiner Kollegin Susanne Abt von der Justus-von-Liebig-Schule. Gemeinsam haben sie eine so genannte "Ypsilon-Klasse" beantragt, eine kombinierte Klasse für das Technische und Ernährungswissenschaftliche Gymnasium (EG). Denkbar wäre dies, da sich rund 20 Wochenstunden des Unterrichtes in beiden Bildungsgängen decken. Der Plan könnte daher eher genehmigt werden als eine ganze zusätzliche Klasse an einer Schule. Denn auch für das EG ist die Zahl der Bewerber mit 62 Anmeldungen fast doppelt so hoch wie die zur Verfügung stehenden Plätze in der bislang einzigen Klasse. Schon in den letzten Jahren war Susanne Abt regelmäßig mit einem kleinen Überhang gestartet und hatte 35 Schüler aufgenommen - aus der Erfahrung, dass der eine oder andere noch das Handtuch wirft. "Man will einfach möglichst wenig wegschicken und vielen eine Chance geben", erklärt Abt. Diese werden jedoch dieses Mal auch hier viele nicht bekommen, da sich, wie Abt sagt, "der Notenschnitt immer mehr hoch schaukelt."

 
 
 

HANSPETER WALTER, Südkurier Überlingen, 10.04.03

nach oben