> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 09. Juli 2003
 

Schule mal anders: Zu Fuß über die Alpen

Schüler der Klasse 11 des Technischen Gymnasiums erleben mit Oswald Burger ungewöhnliche Tour nach Italien

Überlingen - Fast wären drei Kälber auf der Schnellstraße von Chur zum Bernardinotunnel überfahren worden. Sie waren beim Almauftrieb ausgerissen und der Lehrer der Überlinger Schulklasse trieb sie vom Dorf hinaus in ein kleines Sträßlein, in das die Einfahrt verboten war. Zu spät merkte er, dass dies die Ausfahrt der Schnellstraße nach Andeer war. Aber drei Schüler retteten die verstörten Kälber vor den vorbeirasenden BMWs und Mercedes-Limousinen. Die Autofahrer rasen in der Regel durch das Hinterrheintal auf ihrem Weg in den Süden. Die 30 Schüler und ihr Lehrer, Oswald Burger, vom Technischen Gymnasium Überlingen waren zu Fuß unterwegs.

Die Beschäftigung mit der Geschichte der Alpenüberquerung, der Arbeitsemigranten aus Italien, der Schwabenkinder und des Handels von und nach Italien in den vergangenen Jahrhunderten hatte die Schüler auf die Idee gebracht, selber die Alpen auf einem der klassischen Wege zu überqueren.

Über den Splügenpass ist der Weg der früheren Säumer bis heute begehbar und seit kurzem neu ausgeschildert. In Thusis, wo das Hinterrheintal enger wird, begann der Fußweg. Jeden Tag gab es ein besonderes Naturschauspiel zu sehen. Bald nach dem Einstieg war das die Via Mala, der "üble Weg" durch eine enge, tief eingeschnittene Schlucht, in der früher viele Unglücke passierten.

Am zweiten Tag war die Rofflaschlucht dran, in der während sieben Jahren der Gastwirt Christian Pitschen einen Weg durch die Schlucht herausbohrte und -sprengte, der bis heute ein Naturschauspiel bietet.

Am dritten Tag mussten die Schüler von Splügen aus den Splügenpass hinaufsteigen, über 650 Höhenmeter hinauf und dann wieder am Stausee Monte Spluga vorbei durch die wilde Cardinelloschlucht hinunter bis Campodolcino, über 1000 Höhenmeter hinab. Da war die Sprachgrenze endgültig überschritten. Zwar hatten schon auf der graubündischen Seite einige Leute rätoromanisch gesprochen, aber in Campodolcino und Chiavenna war man wirklich in Italien. Nach rund 70 Kilometern Fußweg war das Chiavennatal erreicht, und am Comersee gab es zum Abschluss einen Badetag.

Bei ihrem Weg über die Alpen brachten die Schüler auch eine Kuh-Herde in Sicherheit.

Die kleinen Beobachtungen am Wegesrand waren das Interessanteste: der Blick in einen Granitsteinbruch und in eine Steinsägerei, die Kälte, die aus den "Eislöchern" im Boden drang; die militärischen Vorkehrungen der Schweizer gegen mögliche Eindringlinge, die Qualität des Wassers aus den zahlreichen Brunnen.

Zog sich die Wandergruppe während des Wegs oft kilometerlang auseinander, weil ein Wasserfall zum Baden einlud, weil einer die Blasen an seinen Füßen verbinden musste, das Vesper verzehrt wurde oder eine Raststation in einem Bauernhof Erfrischungen anbot, musste man in den Nächten zusammenrücken. Die 29 Schüler und eine Schülerin teilten sich einige Zelte in den Nächten, schliefen in einem Schullandheim und einmal leisteten sie sich ein italienisches Hotel. Die Wanderung bot botanische Erfahrungen, gab Einblicke in die Probleme des Verkehrs in den Alpen, ermöglichte Studien zur Energieerzeugung mit Wasserkraft und führte durch verschiedene sprachliche und gastronomische Kulturen. Statt eines Esels, den ein Wanderer zum Transport seines Gepäcks mit sich führte, wurden die großen Gepäckstücke wie Zelte, Schlafsäcke und Matten von einem Vater mit einem Kleinbus von Quartier zu Quartier transportiert.

Am Ende waren alle müde und stolz auf ihre Leistung. Sie hatten den Beweis erbracht, dass eine große Leistung große Befriedigung vermittelt.

 
 
 

Südkurier Überlingen, 09.07.03

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