> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 31. Juli 2003
 

Klassenfahrt an einen finsteren Ort

Beispiel Griechenland: Wie sich Schüler aus Überlingen mit der deutschen Vergangenheit auseinandersetzen

Überlingen - Glühende Hitze, über 35 Grad. Kein Lüftchen weit und breit. Dem alten Mann mit der Schiebermütze stehen Schweißperlen auf der Stirn. Bedächtig schaut er auf die Bucht des Ägäischen Meeres. Dann beginnt er zu sprechen, erst ein wenig stockend, dann immer flüssiger. "Hier, genau hier war es," sagt er, "hier haben sie uns zusammengetrieben. Und dann stand an jeder Ecke ein Soldat mit einer Maschinenpistole. Auf Kommando ging es los; 130 Männer haben sie erschossen, alle Dorfbewohner zwischen 15 und 60 Jahren."

Panajotis Tsingas spricht über den 17. Oktober 1941 - ein Tag, an dem die Geschichte der beiden kleinen nordgriechischen Dörfer Ano und Kato Kerdyllia ein jähes Ende fand. Zwei deutsche Kompanien umstellten die beiden Dörfer, trieben alle männlichen Dorfbewohner zwischen 15 und 60 Jahren in zwei Schüben zusammen. Dann knatterten die Maschinenpistolen. 231 Griechen starben, unschuldig.

Danach brannten die Soldaten die Häuser bis auf die Grundmauern nieder. In Kerdyllia vermutete der örtliche Militärkommandant den "Rückhalt einer größeren Partisanenbande". Deshalb telegrafierte er kurz nach dem Massaker ins Reichskriegsministerium, habe man "die männlichen Bewohner zwischen 16 und 60 Jahren erschossen. Frauen und Kinder umgesiedelt. Sonst keine besonderen Ereignisse."

Panajotis Tsiangas spricht über das Geschehen mit fester, klarer Stimme. Keine Gefühlsregung ist ihm anzumerken. Das überrascht an diesem Vormittag diejenigen, die ihm zuhören: Schüler und Lehrer der Jörg-Zürn-Gewerbeschule Überlingen. Sie sind zu einer außergewöhnlichen Reise aufgebrochen. Sie wollen herausbekommen, was in Ano und Kato Kerdyllia geschehen ist, mit Zeitzeugen sprechen.

Panajotis Tsiangas stand damals, am 17. Oktober 1941, bereits selbst in der Gruppe derjenigen, die erschossen werden sollten. Er blickte in die Läufe der Maschinenpistolen, hatte keine Hoffnung mehr. Kurz bevor die Soldaten abdrückten, habe ihn der Kommandant nach seinem Alter gefragt. Mit Müh und Not brachte er ein "14" heraus. "Dann geh zu deiner Mama", sagte der Kommandant. Panajotis Tsiangas ging - und gleich darauf hörte er die Salven der Maschinenpistolen. In diesem Moment wusste er: Sein um ein Jahr älterer Bruder, seine Cousins - sie lebten nicht mehr.

Die Überlinger Berufschüler reagieren nachdenklich. "Es ist ziemlich schwierig, sich das vorzustellen," so die angehende Schreinerin Marina Lehmann, "die Zeitzeugen erzählen das so ganz nüchtern, wie ihre Bekannten und Verwandten da erschossen wurden ." Markus Grüppel empfindet "Trauer über das, was unsere Vorfahren angerichtet haben." Doch persönlich könne er dafür keine Verantwortung, keine Scham empfinden: "Ich war damals überhaupt noch nicht geboren. Ich habe persönlich daran keine Schuld."

Doch um Schuldzuweisungen geht es bei dem Besuch auch nicht. "Damals, die Jahre nach dem Massaker, hätte ich mir nicht vorstellen können, jemals wieder so zwanglos mit Besuchern aus Deutschland zusammenzusitzen", sagt Heido Zezitta, eine alte Frau, Anfang 70. Sie hat bei dem 

Erinnerung an das Massaker: Die Gedenkstätte im griechischen Dorf Kerdyllia. Bild: Wagner

Massaker ihren Vater, zwei Brüder und sechs Cousins verloren. Ressentiments gegenüber Deutschen? "Das ist vorbei", sagt sie. Und: Ihre Enkelkinder lebten seit Jahren in Deutschland - wie könne sie da heute noch Rachegefühle hegen ?

Viele der Überlinger Schüler hören schweigend zu, betrachten stumm die beiden Mahnmale in den beiden Dörfern, in denen in griechischer Schrift die Namen der Opfer aufgelistet sind. Für Begleitlehrer Karl Barth gibt es kaum eine unmittelbarere Form der Begegnung mit diesem Teil deutscher Geschichte als eben durch die Gespräche mit den Zeitzeugen. Immerhin reist die Schule seit über zehn Jahren in Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach Osteuropa, pflegt die Gräber gefallener Soldaten. Seit sechs Jahren ist die Schule in Bulgarien aktiv, ganz in der Nähe der Grenze zu Nordgriechenland. "Da haben wir dann von dem Massaker von Kerdyllia gehört - und es war der Wunsch der Schüler, dorthin zu fahren," so Barth.

Ein Wunsch, den viele Dorfbewohner hegen, wird allerdings niemals in Erfüllung gehen: dass die Verantwortlichen für das Massaker vor Gericht gestellt werden. Begleitlehrer Bernhard Schnetter besuchte kürzlich eine Tagung zu diesem Thema und bekam allerlei juristisch ausgefeilte Argumente gegen einen entsprechenden Prozess zu hören. "Hier zeigt sich wieder einmal die große Kluft zwischen Recht haben und Recht bekommen."

Auch aus einem weiteren Grund zeigen sich die Dorfbewohner über die deutsche Justiz enttäuscht: Erst vor wenigen Wochen hatte der Bundesgerichtshof Entschädigungsklagen von Griechen abgelehnt, deren Angehörige bei Massakern wie dem von Kerdyllia ums Leben gekommen waren. Einer der Kläger ist Penajotis Tsiangas. "Ich habe von dem Urteil bei uns in der Zeitung gelesen", sagt er. "Na ja, was soll man da machen."

 
 
 

Thomas Wagner, Südkurier Überlingen, 31.07.03

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