> Pressespiegel > Bericht: Südkurier, 22. April 2004
 

Neue Nachbarn ganz nah

Die Polin Ewa Stawiarz ist "Austauschlehrerin" - Unterricht an der Jörg-Zürn-Schule

Überlingen - Heute morgen habe ich mich erst mal verlaufen", sagt Ewa Stawiarz. Kein Wunder, die 27-Jährige kommt schließlich aus Tschenstochau in Polen und kennt sich hier überhaupt nicht aus. Die junge Polin ist für eine Woche "Austauschlehrerin" an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule in Überlingen. Ein Schüleraustausch ist sicher nichts Neues, aber ein Lehreraustausch ist doch eher ungewöhnlich. Für Ewa Stawiarz ist dieses Experiment durchaus spannend.

Fünf Tage lang übernimmt die 27-jährige Deutschlehrerin den Unterricht von Oswald Burger, der zeitgleich nach Polen gereist ist und dort in der Gesamtschule in Tschenstochau ihre Klassen unterrichtet. Die Wohnungen wurden zu diesem Zweck ebenfalls kurzerhand getauscht, also ist Ewa Stawiarz jetzt zu Gast bei Burgers.

An ihrem dritten Tag an der Überlinger Schule steht Deutschunterricht in der Klasse 12 des technischen Gymnasiums auf dem Stundenplan. Ewa Stawiarz hat sich schon seit Wochen auf den Unterricht in Überlingen vorbereitet. Zwar spricht sie fließend deutsch, doch sei es immer schwieriger, in einer Fremdsprache zu unterrichten. Vor allem will sie den Schülern das Nachbarland Polen näher bringen. Doch dabei geht manchmal auch was schief: Einer Klasse wollte sie Polen auf einer Landkarte zeigen. Als sie diese ausrollte, war Polen aber gar nicht darauf zu sehen.

Für die Deutschstunde der Klasse 12 hat die Lehrerin ein Quiz vorbereitet. Das Thema: Berühmte Polen. Sie schreibt ein paar Dutzend Namen an die Tafel, die Schüler müssen dann anhand von Beschreibungen raten, wer gemeint ist. Das stellt sich als gar nicht so einfach heraus. Die Zwölftklässler raten sich durch die vielen polnischen Namen, die an der Tafel stehen. Adam Malysz und Dariusz Michalczewski sind sehr wohl bekannt, auch der Komponist Chopin und Karol Wojtyla, der Papst. Bei den restlichen Namen wird es schon schwieriger.

In ihrer Heimatstadt Tschenstochau im Süden Polens unterrichtet Ewa Stawiarz Deutsch. Sie hat Deutsch studiert, die Sprache hat die 27-Jährige allerdings schon vorher gelernt: Gleich nach dem Abitur ging sie für knapp ein Jahr nach Deutschland als AuPair und lebte in Bergisch-Gladbach und Leverkusen. "Nur so kann man die Sprache wirklich lernen", sagt sie. "Ich wusste 

Ewa Stawiarz (27) aus Tschenstochau in Polen unterrichtet zurzeit an der Überlinger Jörg-Zürn-Gewerbeschule.
Bild: Bürner

schon immer, dass ich das mal machen will." Trotz der perfekten Deutsch-Kenntnisse habe es doch lustige Momente im Unterricht gegeben, erzählt Ewa Stawiarz. "Wegen ein paar Zungenbrechern haben wir viel gelacht."

Seit 2002 besteht die Partnerschaft der Jörg-Zürn-Schule mit der Gesamtschule in Tschenstochau. Im Oktober 2003 war eine Gruppe von Überlinger Schülern in Tschenstochau zu Besuch, dieser Austausch soll auch weiterhin stattfinden. Bei dem Besuch in Polen entstand auch die Idee des Lehreraustauschs. "Oswald Burger fragte mich, ob ich nicht Lust auf dieses Experiment hätte", erinnert sich Ewa Stawiarz. Sie hat es sich überlegt, das Unternehmen mit ihrem Chef abgeklärt und einen Termin vorgeschlagen. Zwar sei die Vorbereitung recht anstrengend gewesen, aber schon nach wenigen Tagen hat sich die junge Polin hier eingelebt: "Eine Woche ist eigentlich viel zu kurz."

Gerade im Hinblick auf den Beitritt Polens am 1. Mai zur Europäischen Union hält sie die Partnerschaft für sehr sinnvoll: "So können sich die Nachbarn besser kennen lernen." Ewa Stawiarz ist sich sicher, dass der kurze Aufenthalt in Deutschland sie auch persönlich weiterbringen wird. "Wenn ich zurück nach Polen zu meinen Schülern komme, spreche ich noch besser deutsch."

 
 
 

Julia Bürner, Südkurier Überlingen, 22.4.04

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