> Pressespiegel > Bericht: Südkurier, 06. April 2004
 

5000 Euro für 70 Kilometer

Das preisgekrönte Alpen-Projekt der Klasse 12 des TG der Jörg-Zürn-Gewerbeschule

Überlingen - Das steinerne Gesicht eines Engels, eingelassen in einen Torbogen im Überlinger Ostbahnhof, hat einer Schulklasse indirekt zu 5000 Euro verholfen. Der "Engel vom Ostbahnhof" war für die Schüler der Klasse 12 des technischen Gymnasiums der Jörg-Zürn- Gewerbeschule Überlingen Anlass, der Fantasie einmal freien Lauf zu lassen. War es ein Arbeiter, der den Engel beim Bau des Ostbahnhofs um 1900 hinterließ? Es blieb nicht bei Fantasie allein, die 32 Schüler forschten und dokumentierten, was das Zeug hält. Und der Engel war nur ein kleiner Teil des Projekts, für das die Klasse nun einen mit 5000 Euro dotierten Preis der Landesstiftung Baden- Württemberg erhalten hat.

Den Preis haben sich die Schüler hart erarbeitet beziehungsweise erlaufen. Vor knapp einem Jahr sind sie mit ihrem Lehrer Oswald Burger zu Fuß über die Alpen gewandert. Diese Wanderung war aber mehr als ein normaler Klassenausflug. Ursprung war das Projekt "Zur Arbeit an den See" im Gemeinschaftskunde- unterricht in Klasse 11. Die Schüler hatten bei dem Projekt Schicksale von Arbeitsemigranten, Fremdarbeitern, Zwangsarbeitern und Gastarbeitern in der Bodenseeregion dokumentiert. Einer der Aufsätze beschäftigte sich mit den Gastarbeitern, die zwischen 1898 und 1901 zum Bau der Bodenseegürtelbahn aus Italien kamen. Dabei stießen die Schüler auch auf den "Engel vom Ostbahnhof". In der Diskussion im Unterricht kamen sie auf die Idee, den Weg der Arbeiter von damals einmal selbst zu laufen - 70 Kilometer über die Alpen. Vier Tage dauerte die Wanderung von Thusis nach Como über die historische "Via Spluga".

Im Wettbewerb Berufliche Schulen der Landesstiftung wurden insgesamt 20 Preise vergeben, nach Überlingen ging ein geteilter zweiter Preis über 5000 Euro. Die Freunde unter den Schülern ist groß: "Damit hat wirklich keiner von uns gerechnet", sagt Klassensprecherin Tamara Kleinhans, die sich als einziges Mädchen in der Klasse behauptet. Bei dem Projekt hatten alle großen Spaß, wenn die Wanderung auch recht hart war: Viele Stunden am Tag nur laufen, laufen, laufen, teilweise nur bergauf. "Wir sind unten bei unerträglicher Hitze gestartet und oben auf dem Pass waren es grade mal fünf Grad", erinnert sich Tamara Kleinhans.

In der Fellbacher Schwabenlandhalle ist vor der Preisverleihung am vergangenen Freitagnachmittag richtig was los: Überall wuseln Schüler und Lehrer herum, bauen Stände auf, hängen Banner auf, legen Infomaterial aus. 

Moderatorin Bernadette Schoog muss sich ziemlich strecken, um Tobias Harras bei der Preisverleihung ihre Fragen zu stellen. Bild: Bürner

Das Aufbau-Team der Überlinger arbeitet konzentriert. Schließlich will man bei der Präsentation später gut aussehen. Im Foyer der Halle stehen 20 Stände der verschiedenen Schulen. Die preisgekrönten Projekte sind sehr unterschiedlich: Von Schulhofgestaltung über die Konstruktion eines Partytellers bis hin zu Skulpturen zum Thema "Heimat".

Die Überlinger Schüler stehen nicht ohne Stolz an ihrem Stand und beantworten bereitwillig die Fragen der Zuschauer. "Wart ihr denn alle schwindelfrei?" fragt eine Frau verwundert, als sie die Fotos der engen Passwege sieht. Andere sind erstaunt: "Sie sind da wirklich zu Fuß drüber gelaufen?" Bei der offiziellen Preisübergabe am Nachmittag muss eine fünfköpfige Delegation der Klasse auf die Bühne, um den symbolischen Scheck entgegenzunehmen. Fünf Schüler aus 32 auszuwählen, war für Oswald Burger eine leichte Übung. Der Lehrer lacht verschmitzt: "Alle unsere Minderheiten sind vertreten - die Kleinsten, die Größten, die Weiblichen, die Ausländer." Ein Schüler muss auf der Bühne ein paar Fragen der Moderatorin Bernadette Schoog vom SWR beantworten. Tobias Harras wurde einstimmig dazu auserkoren - "er redet ganz gerne", meinen seine Klassenkameraden. Kurz bevor es ernst wird, wirkt der lange Lockenkopf doch etwas eingeschüchtert. Die Halle ist fast bis auf den letzen Platz besetzt, viele Augenpaare richten sich auf die Bühne. Die Fragen der Moderatorin sind aber dann doch schneller beantwortet als vorher gedacht. Minister Christoph Palmer und der Geschäftsführer der Landesstiftung Baden-Württemberg, Claus Eiselstein, kommen noch zum Händeschütteln und übergeben den Scheck, dann legt sich die ganze Aufregung recht schnell.

Auf der Heimfahrt freuen sich die Schüler über das gewonnene Geld. Davon werden sie sich ihre Abschlussfahrt im nächsten Jahr finanzieren. Eines ist jetzt schon sicher: Gewandert wird dann nicht.

 
 
 

Julia Bürner, Südkurier Überlingen, 06.4.04

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