> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 16. November 2005
 

Fuß in der Tür zur Arbeitswelt

Arbeitskreis der Schulen will Krisenmanager für Jugend sein - 
Pädagogen begleiten Praktika

Ein Praktikum ist oft der erste Schritt zum Arbeitsplatz, und schon wird von der "Generation Praktikum" gesprochen. Auch für Jugendliche ohne Schulabschluss kann es ein entscheidender Türöffner sein. Diesen noch besser nutzbar machen will ein Arbeitskreis "Schule-Arbeitswelt" durch intensiveren Kontakt mit Betrieben.

Überlingen - "Du hast keine Chance, nutze sie": Aus der Not heraus hat der Arbeitskreis aus diesem vermeintlichen Nonsense-Kalauer ein Programm erarbeitet. Vertreter von Haupt- und Berufsschulen, von Förderschulen und Schulen für Erziehungshilfe von Salem bis Sipplingen, von Uhldingen bis Owingen, wollen die Kontakte zu Firmen und Handwerksbetrieben intensivieren, um den Jugendlichen die Tür zur Arbeitswelt öffnen. Ein ganz entscheidender Baustein dabei sind Praktika, die den Berufsalltag erfahrbar machen.

Konkrete Standards und eine Begleitung durch Pädagogen als Vermittler sollen die Schwelle für beide Seiten senken. Mit einem Anschreiben an Betriebe will der Arbeitskreis "Schule-Arbeitswelt" Verständnis für die Probleme wecken und noch mehr Offenheit bei den Verantwortlichen erreichen.

Seit Monaten basteln Schulleiter und Lehrer bei diesem vorbildlichen Projekt, das aus eigener Initiative erwachsen ist, an einem gemeinsamen Konzept, das sie nun erstmals öffentlich vorgestellt haben. Der Arbeitskreis will nicht mit ansehen, wie sich die Jugendlichen zusehends in eine Sackgasse manövrieren. "Die Chancenlosen" nennt Frank Blohm, Schulleiter der Franz-Sales-Wocheler-Förderschule in Überlingen, diejenigen, denen er eine Chance eröffnen will. Er kennt die Standardträume vieler Schützlinge und weiß, wie wenig meist davon übrig bleibt. Ganz oben rangieren der Kfz-Mechatroniker und der Einzelhandelskaufmann; Für viele platzen alle Seifenblasen. "Einige verschwinden dann einfach in der Familie", weiß Blohm. Dies zu verhindern ist erklärtes Ziel des Arbeitskreises.

Im Blickpunkt stehen Schüler, die sich langsamer entwickeln, kognitive und/oder soziale Defizite haben und so in eine Sackgasse zu geraten drohen. Eine vielfach verbreitete Angst vor Misserfolgen macht sie manchmal zudem noch mutlos. "Sie wirken äußerlich groß und reif, sind aber völlig ängstlich", weiß Hansjörg Straub, Lehrer im Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule, nur zu gut. Schwellenängste und Selbstzweifel treten bei manchen schon bei der Suche nach einem Praktikumsplatz auf. Straub: "Manche trauen sich nicht einmal, bei einem Betrieb nach einem Praktikumsplatz zu fragen."

Bild: Walter

Insgesamt sind es im westlichen Bodenseekreis rund 100 junge Menschen jährlich, die die Schulen ohne Abschluss verlassen. Ihnen soll ein Weg in die Arbeitswelt geebnet werden. "Es geht auch um gesellschaftliche Teilhabe und ein Stück Normalität", sagt Simone Daasch von der Janusz-Korczak-Schule für Erziehungshilfe in Deisendorf. Gerade ein Praktikum könne dabei einen wichtigen pädagogischen Beitrag leisten: mit einer Hinführung zu Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, aber auch als Quelle kleiner Erfolgserlebnisse. Doch dazu ist eine gute Zusammenarbeit mit Firmen entscheidend. "Wir brauchen Betriebe, die sich ihrer sozialen Verantwortung stellen", sagt Daasch. Man müsse Jugendlichen eine Chance geben, ohne sie beim ersten Problem oder Konflikt gleich "fallen zu lassen". Daasch: "Wir wollen praktisch ein regionales Bündnis für Arbeit erreichen."

Dazu wollen auch die Pädagogen des Arbeitskreises einen Beitrag leisten, als Ansprechpartner und Begleiter während eines Praktikums und als Krisenmanager. Wohlwollend und aktiv begleitet wird die Initiative von der Schulaufsicht des Bodenseekreises, dem einstigen Schulamt, vom Kreisjugendamt, von der Agentur für Arbeit, von Handwerkskammer sowie Industrie- und Handelskammer und von der "Lernenden Region Bodensee". Die gemeinsamen Anstrengungen sind um so wichtiger, als es für viele Schüler fast die einzige Chance ist, wenigstens einmal einen Fuß in die Tür zur Arbeitswelt zu bekommen. So können sie zeigen, dass sie durchaus Qualitäten haben, und selbst eine Nische entdecken. Frank Blohm kennt ehemalige Schüler, die sich auch ohne Ausbildung zu wichtigen Spezialisten eines Betriebs entwickelt haben.

 
 
 

Hanspeter Walter, Südkurier Überlingen, 16.11.05

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