> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 21. April 2006
 

Auch richtiges Stehen will gelernt sein

Überlinger Jörg-Zürn-Gewerbeschüler rüsten sich bei Theatertagen spielerisch fürs Berufsleben

Überlingen - Bevor nicht Ruhe ist, kann man nicht weitermachen", sagt Maria Gorius resolut zu den 18 jungen, frechen und schüchternen Schülern des Berufsvorbereitungsjahres der Jörg-Zürn- Gewerbeschule Überlingen. "Tief einatmen, bis fünf zählen, den Namen sagen, bis zehn zählen, sich vom Publikum verabschieden" - das üben alle vor den anderen. Sie merken, dass sie vielleicht deshalb keine Ausbildungsstelle haben, weil sie sich nicht erfolgreich vorstellen können. Und nach und nach probieren es alle auf der "Bühne".

Diese Bühne ist eine mit einem Klebestreifen abgetrennte Fläche im Klassenzimmer. Auf der Bühne geht es darum, das richtige Stehen zu lernen oder die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Alexander muss deutlicher seinen Namen sagen und darf nicht auf den Boden schauen. Ramon muss den Kaugummi aus dem Mund nehmen, wenn er die nächste Praktikumsstelle bekommen will. Deniz macht eine schöne Geste zum Abschied, aber man merkt, dass er nervös ist. "Man darf nervös sein", sagt Maria Gorius, und sie nennt Methoden, wie man mit der Nervosität umgehen kann. "Wenn Ihr nicht dem Anderen in die Augen schauen könnt, dann schaut ihm auf einen Punkt zwischen den Augen, aber auf keinen Fall zum Boden."

Maria Gorius ist Theaterpädagogin vom Forumtheater in Köln. Im Rahmen der "Theatertage am See" macht sie Workshops für die zwei Überlinger Klassen des Berufsvorbereitungsjahres (BVJ). Sie zeigt den Jugendlichen, die im zweiten Anlauf den Hauptschulabschluss schaffen wollen, wie man sich selbst wahrnimmt. Weil die Schüler gemerkt haben, wie wichtig ihr Auftreten ist, achten sie beieinander auf Körperhaltung und Gebärdensprache. Die Unsicherheit ist bei allen

Kaugummi raus, nicht rumhippeln, dem anderen in die Augen schauen: Maria Gorius, Theaterpädagogin vom Forumtheater in Köln, zeigt den Jugendlichen der Jörg-Zürn-Gewerbeschule, die im zweiten Anlauf den Hauptschulabschluss schaffen wollen, wie man sich bei Bewerbungsgesprächen benimmt.
Bild: Burger

spürbar, weicht aber nach und nach, weil jeder dran kommt.

Erst am Ende der fünf Stunden merken sie, dass sie Bewerbungsgespräche geübt haben. Auf spielerische Art zeigt die Theaterpädagogin das, was die Lehrer theoretisch und die Jugendberufshelfer praktisch auch mit ihnen üben. Die Schauspielerin und Regisseurin hat mehr Autorität, weil sie von "draußen" kommt. "Theater am See" im Schulzimmer, finanziert vom Verein der Freunde der Jörg-Zürn-Gewerbeschule in Überlingen, stärkt das Selbstbewusstsein. Und es ist vergnüglich.

 
 
 

Oswald Burger, Südkurier Überlingen, 21.04.06

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