> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 17. November 2005
 

Interesse an Moral

Juli Zeh im Unterricht

Bei ihrer Lesereise als "Autorin der Region", machte die Leipziger Schriftstellerin Juli Zeh Station in der Jörg-Zürn-Gewerbeschule Überlingen. Oswald Burger, Lehrer der Klasse 13/1 und Mitarbeiter des SÜDKURIER, berichtet:

Zwar hatten die Schüler den Roman „Spieltrieb“ von Juli Zeh bereits gelesen und im Unterricht besprochen, dennoch wollte die Klasse 13/1 am Technischen Gymnasium in Überlingen zwei Szenen aus dem Munde der Autorin noch einmal hören. Juli Zeh las in der Jörg-Zürn-Gewerbeschule die beiden Kapitel „Olafs Entjungferung“ und „Bonifatius, der Wohltäter“, in denen Sex und Gewalt beschrieben werden.

Die Schüler fanden einiges an der Darstellung vulgär und hielten dies der Autorin vor. Juli Zeh verwies auf andere Medien, in denen viel Ordinäreres gezeigt werde, und behauptete, ihr gehe es um die Darstellung der Geisteshaltung ihrer Figuren, um deren eiskalte Weltsicht. Sie treibe das Interesse an Moral oder an fehlender Moral, das drohende Vakuum, die beobachtbare Orientierungslosigkeit. Sie habe dieses moralische Vakuum in einem Experiment zu ergründen versucht und zeigen wollen, was passiere, wenn Menschen ganz ohne moralische Skrupel seinen. Sie habe beim Schreiben gedacht, ihre Konstruktion sei nicht realistisch, die Handlung überhöht, die Sprache der Figuren eine Kunstsprache. Sie erschrecke angesichts von Reaktionen, die den Roman als realistisch oder gar autobiographisch läsen.

„Spieltrieb“ sei kein Buch über Gewalt an Schulen, über schlechte Lehrer oder vernachlässigte Kinder. Wenn sie darüber etwas hätte schreiben wollen, wäre „ein Essay angemessen“ gewesen, in dem sie Sachverhalte darstellen und Meinungen hätte äußern können. Sie mache mit ihrem Roman „Spieltrieb“ ein Gedankenexperiment. Sie lasse Figuren ohne Gefühle und ohne Moral aufeinander prallen.

Natürlich interessierten sich die Schüler auch für Biographisches, für die frühere Schülerin und Studentin, und die Juristin Juli Zeh. Freimütig gab sie Auskunft über ihre schulische und juristische Karriere und das Schreiben als Selbstbeschäftigung, das sie durch ein Literaturstudium in Leipzig professionalisiert habe.

Schließlich ging es im Gespräch mit der Schriftstellerin um sprachliche und stilistische

"Spieltrieb" ist kein Buch über Gewalt an Schulen oder über schlechte Lehrer", so die Aussage von Autorin Juli Zeh.

Details, zum Beispiel um die Namenswahl der Protagonisten des Romans von Alpha (Alev und Ada) bis Omega (Olaf und Odetta), um Einflüsse von konkreten Erinnerungen bis zu Anregungen aus der Weltliteratur, zum Beispiel durch Vladimir Nabokovs Roman „Ada“.

„Beim Schreiben tut man manchmal Dinge, die nicht geplant sind, die aber wie geplant aussehen“, antwortete Juli Zeh auf die Frage nach dem Schreibprozeß. Oft stecke sie mehr in einen Text hinein, als die Kritiker herausläsen, allerdings fänden Rezensenten auch Dinge heraus, die nicht drinstünden.

Die angehenden Abiturienten aus dem Technischen Gymnasium der Jörg-Zürn-Gewerbeschule hatten Gelegenheit zu einem poetologischen Seminar, einer direkten Begegnung und einer Debatte über Moral und Unmoral. Juli Zeh erlebte ein „angenehmes, offenes Gespräch“ mit „sehr engagierten Schülern“, wie sie im Lesungsprotokoll festhielt, bevor sie mit ihrem Freund und ihren Hunden nach Leipzig abreiste.

 
 
 

Oswald Burger, Südkurier Überlingen, 17.11.05

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