> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 11. März 2006
 

Kein Aderlass an Berufschulen

Staatliche Schulen in Überlingen leiden nicht am Zuspruch für private berufliche Einrichtung

Im Verlauf der vergangenen zehn Jahre hat die Schülerzahl an privaten beruflichen Schulen um 62 Prozent zugenommen. Jeder elfte berufliche Schüler Baden-Württembergs besucht inzwischen eine nichtstaatliche Einrichtung. Verlieren Überlingens berufliche Schulen also ihre Schüler?

Überlingen - "Nein", lautet die einstimme Antwort der Schulleiter Susanne Abt, Gerhard Krimmer und Kurt Boch. Der Grund: Im Bodenseekreis gibt es nach ihrem Wissen keine privaten beruflichen Schulen. "Nur im Bereich der Ausbildung biologisch-technischer Assistenten merken wir die private Konkurrenz in Isny ein klein wenig", sagt Kurt Boch, Schulleiter der Jörg-Zürn- Gewerbeschule. Unter Schülermangel hat auch die Justus-von-Liebig-Schule unter Leitung von Susanne Abt nicht zu leiden. "Ich bin seit 18 Jahren an dieser Schule tätig und in dieser Zeit haben sich unsere Schülerzahlen sogar verdreifacht."

Gerhard Krimmer verdeutlicht die Situation seiner Schule an den vorliegenden Bewerbungen für das kommende Schuljahr. Für die 128 zu vergebenden Plätze am Wirtschaftsgymnasium liegen seinen Angaben zufolge aktuell 212 Bewerbungen vor, im Berufskolleg sind es 150 Bewerbungen für 96 freie Plätze. Abzüglich von Doppelanmeldungen oder den Schülern, die es sich letztendlich noch einmal anders überlegen, bleibt dennoch ein stattliches Pensum an Bewerbungen übrig. Krimmers Meinung nach bluten momentan nur staatliche Schulen in Ballungsräumen aus: Ulm und Tübingen seien beispielsweise betroffen. "Der Andrang an privaten beruflichen Schulen hängt damit zusammen, dass oft nur noch dort das gewünschte Bildungsangebot besteht", erklärt Krimmer. Viele Schüler begeistern sich demnach für Wirtschaftsgymnasien - während der Staat ein Personaldefizit in technischen Berufen zu stopfen versucht. Um den Schülern die technischen Gymnasien nahe zu bringen, wird das Angebot dort seit einigen Jahren konsequent erweitert, während das Angebot an Wirtschaftsgymnasien stagniert. Zum üblichen

Daumen hoch für Überlingens Berufschulen. Trotz des Zulaufs, den entsprechende private Bildungseinrichtungen verzeichnen, laufen ihnen die Schüler nicht davon. Hier ein Blick in den Unterricht an der Justus-von-Liebig-Schule.
Bild: Walter

technischen Gymnasium haben sich so das Informationstechnische, das Medien- und Gestaltungstechnische Gymnasium, das Technische Gymnasium für Wirtschaft und Management sowie das Biotechnische Gymnasium hinzugesellt. In diese Lücke zwischen den Interessen der jungen Leute und denen des Landes stoßen Krimmers Meinung nach Privatanbieter mit Wirtschaftsgymnasien - und die Schüler wandern an die privaten Einrichtungen ab, um dort ihren kaufmännischen Berufswunsch zu erfüllen. Außerdem für Privatanbieter nach Meinung von Gerhard Krimmer von Vorteil: "Wirtschaft kann fast jeder unterrichten, denn es ist ein rein gesprächsbezogener Unterricht. Wer Technik und Physik unterrichtet, braucht zusätzlich Geräte, die finanziert werden müssen. So kommen Privatschulen in der Bereich, bei dem sich ihre Einrichtung rentiert", sagt der Schulleiter.

 
 
 

DENISE BERNARD, Südkurier Überlingen, 11.03.06

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