> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 02. Februar 2007
 

Umgangsformen auf dem Stundenplan

Schüler des Berufsvorbereitungsjahres lernen Verhaltensregeln -  Vom Blickkontakt bis zum Händedruck

Knigge ist wieder gefragt. Und das scheint gut so. Denn um die Umgangsformen ist es nicht überall zum Besten bestellt. Bei den Schülern des Berufsvorbereitungsjahrs an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule stand jetzt einen Vormittag lang korrektes Verhalten auf dem Stundenplan.

Überlingen (hpw) "Möchtest du deine Frage beantwortet haben? Dann schauen wir uns kurz an!" Der Blickkontakt bei Gesprächen ist nur ein Beispiel für Umgangsformen im Alltag, die Trainerin Christina Thoma den Schülern aus dem Berufsvorbereitungsjahr der Jörg-Zürn-Gewerbeschule nahe zu bringen versucht. Die sind durchaus interessiert und aufmerksam, auch wenn der eine die Unsicherheit cool überspielen will, andere nervös mit dem Kuli spielen.

"Wir müssen unsere Bildungsangebote einfach erweitern", sagt Klassenlehrer Hansjörg Straub, der diesen Kurs erstmals in sein Programm aufgenommen hat: "Hier lernen die Schüler etwas, was sie für ihr Leben brauchen." Ja, manches davon kann sogar entscheidend für den Weg in den Beruf sein.

"Wie verhaltet ihr euch bei einem Bewerbungsgespräch?" Diese Frage von Christina Thomas zählt vielleicht zu den wichtigsten für viele, die sich bald um einen Job bewerben wollen. Vom Schmuck und der Pünktlichkeit bis zum richtigen Anklopfen und dem wohl dosierten Händedruck reichen die Themen. "Kein Piercing und keine dicke Goldkette zum Bewerbungsgespräch", sagt die Konstanzer Trainerin klipp und klar: "Versucht, seriös zu erscheinen." Im Gespräch könne man immer noch klären, ob die Nadel an den Augenbrauen toleriert werde oder eher unerwünscht sei. "Das kommt auch auf den Betrieb an." Doch die entscheidende Frage ist für sie: "Was ist wichtiger: das Piercing oder der Job?"

Pünktlichkeit ist gerade bei einem Bewerbungsgespräch unerlässlich. "Am besten ist es, wenn ihr zehn Minuten vor dem Termin da seid, damit ihr zur vereinbarten Zeit klopfen könnt", rät Thoma. Doch wie klopfen? Auch hier gelte es, sich nicht zu schüchtern und zu zögerlich bemerkbar zu machen, dass der Personalchef zur Tür rennen muss, um zu prüfen, ob er etwas gehört hat. Aber auch nicht so heftig zu trommeln, dass er erschrickt.

Auf die richtige Dosierung kommt es auch beim Handschlag an, ohne den es hierzulande nicht geht. "In keinem Land ist das so wichtig wie in Deutschland", macht die Trainerin den jungen Männern klar und fügt hinzu: "Doch es gibt nichts Schlimmeres als einen schlaffen Händedruck." Wie sich diese Kontaktaufnahme anfühlen sollte, dürfen die Schüler gleich mal ausprobieren. Denn an Arnold Schwarzenegger soll der Gegenüber bei der Begrüßung auch nicht gleich denken: "Bitte keine Quetsche, das ist genauso furchtbar."

Dann der besagte Blickkontakt. "Schaut eurem Gesprächspartner in die Augen", sagt Christina Thoma, "und lächelt bitte!" Zur Übung empfiehlt sie den Schülern, beim Betreten eines Aufzugs mal nicht auf die Etagenanzeige zu starren, sondern die Menschen bewusst anzuschauen und sie lächelnd zu grüßen. "Versucht das mal", rät die Trainerin. "Auch wenn es sich vielleicht uncool anhört."

Eine Begrüßung mit Handschlag gehört zur Höflichkeit. Doch auf den richtigen Händedruck kommt es an. Schüler üben mit ihrem Lehrer Hansjörg Straub.
Bilder: Walter
"Bitte pünktlich und ohne Piercing zum Bewerbungsgespräch. Was ist wichtiger, der Job oder der Körperschmuck?"
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Trainerin Christina Thoma, Konstanz
"Ich finde es gar nicht schlecht. Viele wissen gar nicht, wie man sich in bestimmten Situationen richtig verhält."
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Adin (17), 
Uhldingen-Mühlhofen
"Das ist eigentlich schon in Ordnung, dass wir das lernen und machen. Auch wenn nicht alles neu ist für mich."
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Cihan (15),
Daisendorf

Das Verhalten im Betrieb oder im Praktikum ist ein weiteres Themenfeld. Wie stellt man sich vor, wenn man neu zu einer Gruppe stößt? "Mein Name ist... oder ich heiße..., das geht schon", sagt Thoma: "Doch selbstbewusster wirkt es, wenn man einfach sagt: Ich bin Michael Müller." Beschwerden und Kritik sollten höflich und ohne Beleidigung nur unter vier Augen geäußert werden. Loben kann man indessen gerne vor versammelter Mannschaft.

Beim Essen im Restaurant zeigt sich der richtige Benimm. "Auf die ganze Körperhaltung kommt es an", erklärt die Trainerin. "Die am weitesten verbreitete Unsitte ist es, den Ellbogen aufzustützen." Anders als in den USA gehören die Hände auf den Tisch.

Defizite verbessern können hier jedoch keineswegs nur Schüler. Thoma: "Selbst bei Arbeitsessen von Managern beobachtet man oft, dass jeder nur vor sich auf den Teller starrt."

 
 
 

HANSPETER WALTER, Südkurier Überlingen, 02.02.07

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