> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 15. Mai 2007
 

Derbe Ausdrücke und ein Tritt in die Weichteile

Berufsvorbereitungsjahr verfolgt Verhandlung im Amtsgericht Überlingen

Überlingen - Jahrelang schon schwelt der Streit zwischen zwei Nachbarn in einer Gemeinde im westlichen Bodenseekreis. Immer wieder flackert er auf. Besonders hitzig soll es am 16. Juli 2006 zugegangen sein. Laut Anklage kam zum verbalen Angriff auch eine körperliche Attacke hinzu. Ein 67-jährige Rentner soll seinen 62-jährigen Nachbarn beleidigt. Der Sohn soll ihn in die Genitalien getreten haben. Zeugen gab es keine; Zeugen der Verhandlung vor dem Amtsgericht Überlingen war eine Klasse des Berufsvorbereitungsjahrs an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule Überlingen mit ihrem Lehrer Oswald Burger.

Es war nach Mitternacht, als der 62-Jährige "nach einem wunderschönen Musikabend" schon fast zu Hause war. Dann geschah seinen Schilderungen zufolge Folgendes: Kurz vor seinem Anwesen rief jemand "Hey du!". Böses ahnend, sei er schnellen Schritts weitergegangen. 20 Meter weiter riss ihn jemand von hinten am Hemd zurück und rief: "Wenn du meinen Vater nicht in Ruhe lässt, dann hast du das letzte Mal warm geschissen." Zur Bestätigung gab es einen Fußtritt in die Genitalien. "Ich wollte mit ihm reden, aber mein Nachbar hat nur gerufen, jetzt würde ich fertig gemacht und er hat dann noch dreimal gegen meine Haustür geschlagen. Ich war völlig geschockt und habe die Polizei informiert." Der Arzt stellte eine schmerzhafte Genitalprellung fest. Qualen will der drohende Nachbar seit Jahren wegen andauernder Querelen unter anderem wegen eines Wegerechts erlitten haben. Sie und lange Prozesse sollen auch Grund für den Verkauf des Hauses und den bevorstehenden Umzug gewesen sein. "Im Leben nie würde ich den beleidigen", widersprach er der Anklage und schilderte mehrere, zurückliegende nachbarliche Konfrontationen mit verbalen und körperlichen Bedrohungen. An besagtem Abend habe er sich mit Sohn und Schwiegertochter Wein trinkend in seinem Hobbyraum unterhalten und sich nur umgedreht, als der Nachbar vorbeimarschierte, der ihn immer provozieren wolle.

Sein 41-jähriger Sohn bestätigte die Ausführungen. "Ich wollte was zum Nachbarn sagen, aber mein Vater hat mich davon abgehalten. Ich hatte keine Veranlassung, dass ich raus laufe und den Macho mache. Ich fahre nicht 700 Kilometer, um dem  Nachbarn an die Backe zu hauen. Sie haben ja sicher meine Strafakte gelesen und wissen, dass ich auf Bewährung bin. Wenn etwas passiert, steht zuviel für mich auf dem Spiel", erklärte er dem Richter. Zudem wollte er ihm anhand von Zeichnungen klar machen, dass es nicht möglich gewesen sei, den Nachbarn so kurz vor dem Haus einzuholen.

Aussage stand gegen Aussage. Verteidiger Gerhard Zahner setzte auf die Glaubwürdigkeit der Parteien, schilderte deshalb diverse Vorfälle, darunter einen Zivilprozess. In dem sollte ein Sachverständiger klären, ob der Vorwurf zutraf, die Arthrose in den Händen des 62-jährigen Nachbarn sei die Folge eines Besenstiel-Hiebs seitens seines Mandanten; dieser habe dafür Rente, Schmerzensgeld und Arbeitsausfall geltend machen wollen und die Richterin habe den Kläger auch nicht als glaubwürdig angesehen. Richter Harald Gürtler dazu: "Wir wollen aber jetzt nicht bei Adam und Eva anfangen." Darauf der Rechtsanwalt: "Aber was ist, wenn Adam seit Eva lügt?", wofür er allenthalben Lacher erntete.

Wenig Erhellendes konnte der Polizist beitragen, denn der geladene Beamte war nicht vor Ort gewesen. Mit den vom Rechtsanwalt daraufhin erwogenen prozessualen Möglichkeiten war die Staatsanwaltschaft nicht einverstanden. Um mehr Licht ins Dunkel zu bringen, wurde ein neuer Termin anberaumt und dazu weitere Zeugen geladen: Die Polizisten, die am Tatort waren, den Arzt, einen Rechtsmediziner und die zwei Ehefrauen.

 
 
 

CHRISTIANE KEUTNER, Südkurier Überlingen, 16.05.07

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