> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 06. März 2007
 

Jugendliche leben Völkerverständigung

"Die Flucht" und die Gegenwart: Jörg-Zürn-Gewerbeschule steht seit 1993 im Dienst der Kriegsgräberfürsorge

"Die Flucht", der große ARD-Zweiteiler, hat gestern Abend erneut Millionen Menschen vor dem Fernseh-Bildschirm bewegt. Geschichte am eigenen Leib erfahren haben indes 18 Schülerinnen und Schüler der Jörg-Zürn-Gewerbeschule, die im ehemaligen Ostpreußen die Gräber deutscher, polnischer und russischer Toter gepflegt haben.

Überlingen - Kriegsgräuel, Flucht, Vertreibung und millionenfacher Tod - auch mehr als sechs Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs bewegen die menschlichen Schicksale dieser furchtbaren Zeit. Das weiß besonders gut die Jörg-Zürn-Gewerbeschule: Seit 1993 organisieren die Lehrer Hubert Gobs, Karl Barth, Markus Bittmann und Bernhard Schnetter jährlich mit jeweils rund 20 Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 19 Jahren Jugendbegegnungen des Volksbunds deutsche Kriegsgräberfürsorge (VdK). Im vergangenen Sommer waren sie im ehemaligen Ostpreußen, in Masuren - in genau jener Gegend, in der Lena Gräfin von Mahlenberg ihr Flucht-Schicksal erlitt, das die ARD zeigte.

Die Jugendlichen haben dort über 14 Tage hinweg zusammen mit gleichaltrigen Polen Kriegsgräber auf vier Friedhöfen gepflegt: In Paprotki, Marcinowa Wola (früher Martinshagen) und Bartosze (Bartossen), wo bislang 10000 Soldaten ihre letzten Ruhe gefunden haben. Schwere, körperliche Arbeit in sengender Hitze wurde da geleistet, um - wie es die Überlinger Schüler bei ihrer Abschlussrede auf dem Friedhof Bartossen formulierten - "eine Brücke aus der Vergangenheit in die Gegenwart" zu schlagen. Denn neben der Auseinandersetzung mit der Geschichte - besucht wurden unter anderem das KZ Stutthof ebenso wie die ehemalige Wolfsschanze - stand vor allem die Freundschaft zu polnischen Jugendlichen im Vordergrund.

"Gelebte Völkerverständigung praktizieren wir so seit Jahren", berichtet Karl Barth, Lehrer an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule. Die Jugendlichen, allesamt Azubis, wenden dabei Jahr für Jahr eigenes Geld auf, um an diesen Projekten teilzunehmen - und da tut sich für die nächste geplante Reise im Sommer nach Bulgarien derzeit das größte Problem auf. Denn nachdem auch offizielle Stellen immer mehr sparen, ist die Finanzierung der VdK-Begegnung nicht mehr gesichert, obwohl die Jugendlichen selbst jedes Jahr 280 Euro pro Person aus eigener Tasche bezahlen - keine Kleinigkeit für einen Lehrling. "Wir hoffen, die Jugendbegegnung weiter finanzieren zu können", sagt deshalb auch Karl Barth.

Wer einen Blick in die Dokumentation zur letztjährigen Reise wirft, die just in diesen Tagen fertig gestellt wurde, kann Barth da nur zustimmen: Detailliert sind dort Aufgaben, Arbeiten und Begegnungen niedergelegt und stellen damit eindrucksvoll unter Beweis, dass auch 62 Jahre nach Kriegsende noch viel in Gedenken der Toten zu tun ist.

Begegnungen

Bislang hat die Jörg-Zürn-Gewerbeschule mit ihren Schülern Kriegsgräber in Polen, Slowenien, der Slowakei, Rumänien, Bulgarien, Baschkirien und Polen gepflegt. Wer mehr über diese Arbeit erfahren möchte, kann sich mit Karl Barth oder seinen Kollegen, Telefon (07551) 809246, in Verbindung setzen.

Die Schule im Netz: www.gewerbeschule-ueberlingen.de

Vor Jahrzehnten noch unvorstellbar, heute ein Stück gelebte Völkerverständigung: Die Jugendlichen aus Überlingen und ihre polnischen Freunde samt ihren Betreuern vor der Kulisse des Sees im polnischen Rydzewo.
Bilder: Gewerbeschule Überlingen

    

Sascha Gauger spielt zum Abschluss der Arbeiten auf dem Soldatenfriedhof Bartossen das Lied "Ich hatte einen Kameraden" auf der Trompete.

   

Den Toten einen Namen geben: Eine Schülerin der Jörg-Zürn-Gewerbeschule bei der Arbeit an einem Grabstein in Polen.

  

Karl Barth, einer der betreuenden Lehrer der Jungendbegegung der Jörg-Zürn-Gewerbeschule
 
 
 

ROLAND BURGER, Südkurier Überlingen, 06.03.07

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