> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 18. November 2007
 

Warme Sprache wie Musik

Peter Weber liest in Gewerbeschule aus "Die melodielosen Jahre"

Überlingen - Dann und wann zieht der Schweizer Autor Peter Weber, der auf Einladung des Lehrers und Literaturförderers Oswald Burger in der Jörg-Zürn-Gewerbeschule vor Publikum liest, seine Maultrommel hervor und entlockt dem Instrument faszinierende Klänge. Die Maultrommel in seinen Händen wechselt mit seinem neuen Buch, "Die melodielosen Jahre", aus dem er den Schülern der Klasse 12/1 vorliest. Einmal greift er auch nach einem Stück Kreide und schreibt ein Wort spiegelverkehrt an die Tafel. Ohne Kommentar.

Die Schüler verfolgen Webers Musik und seine Worte, die auch Musik sind, mit gespannter Aufmerksamkeit. Und als er das Wort spiegelverkehrt an die Tafel schreibt, reagieren sie verwundert, amüsiert, und wollen den Grund erfahren. Warum er denn spiegelverkehrt geschrieben habe, fragen sie den Schweizer Autor.

"Keine Ahnung" sagt Peter Weber schlicht und schreibt das Wort nochmals an die Tafel. Diesmal richtig herum. Ein wohliges "Ahhhh!" strömt durch die Reihen der Schüler. Eine Viertelstunde später erklärt Weber den Schülern doch, warum er spiegelverkehrt geschrieben hat. "Als Linkshänder muss man beim Schreiben stoßen, also mit der Hand drücken, um die Feder nach vorne zu bewegen. Ich will nicht stoßen, ich will die Feder ziehen und in einem Zug schreiben. Und das kann ich nur, wenn ich spiegelverkehrt schreibe."

Die Schüler, die sich im Unterricht mit Oswald Burger umfassend mit Webers Buch "Die melodielosen Jahre" beschäftigt haben, dürfen sich Kapitel auswählen, aus denen Weber dann vorliest. Unter Anderem entscheiden sie sich für "das Kapitel mit den vielen Tieren."

Da geht es auch um Schüler, Lerntierchen nennt Weber sie und liest: "In allen Sprachen, die sie lernten, flogen die Peitschenschnüre." Weber beschreibt mit seiner sehr warmen, bildhaften und musikalischen Sprache, wie Grillen ins Klassenzimmer eindrangen, die "Sprachverspannungen lösten" und die Gehörgänge frei räumten. Und mit einem Mal, so Weber, "berührten die Sätze die Sprachnerven."

Weber liest von einem weiteren Lehrer vor, der seinen Hund mit in die Klasse brachte und die

Autor Peter Weber inmitten von Schülern der Jörg-Zürn-Gewerbeschule.
Bild:
Bast

Schüler aufforderte, einen Aufsatz über das Tier zu schreiben. "Bitte sagte er zur Klasse und Platz zu seinem Hund", liest Weber. Und auch der Lehrer im Buch liest. Und die Schüler im Buch schreiben nicht. Bis sich der Gegenstand, über den sie schreiben sollen, bewegt und es nach Hund riecht. "Da schrieben die Füllfederhalter plötzlich von alleine", liest Weber.

"Wie kommen Sie darauf, so etwas surreales zu schreiben?", fragt ein Schüler, als Weber geendet hat. Weber hält kurz inne, denkt nach, bevor er antwortet. Deutsch, so erklärt der Autor, sei eine sehr impulsive Sprache. Und auch, wenn sie als kalt verschrien sei, sei sie sehr poetisch. "Wir lernten sie nach Falsch und Richtig aber wir lernten nicht, frei oder dichterisch zu schreiben", blickt er auf seine eigene Schulzeit zurück. Und dann habe er einen neuen Lehrer bekommen. "Der las erstmals einen literarischen Text. Und draußen zirpten die Grillen."

Ja, einige dieser Geschichten aus "Die melodielosen Jahre" seien ihm wirklich passiert, auch, wenn sie beim Schreiben automatisch verändert würden. Seine anderen Bücher, so Weber, seien nicht autobiografisch. "Aber irgendwann wird es wichtig, dass man durch sich hindurch schreibt und sich mit sich selber konfrontiert. Sonst kommt man nicht mehr weiter."

 
 
 

EVA-MARIA BAST, Südkurier Überlingen, 18.11.07

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