> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 25. April 2008
 

Ein zäher Kampf gegen die Rollenklischees

Girls-Day in Überlingen

Überlingen - Ich möchte mal einen technischen Beruf ergreifen", sagt Realschülerin Kerstin Zuzej aus Owingen ganz dezidiert, die bei der Firma Rafi Eltec gerade eine Leiterplatte sorgfältig durchbohrt. "Girls' Day" in Überlingen: In drei Betrieben und an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule schnupperten gestern gut 60 Mädchen an Lötkolben und Feilen, an Fräsen und Bohrmaschinen. Siebtklässlerin Kerstin peilt auch schon den Sprung ins Technische Gymnasium an. "Ich habe schon einmal an einem Girls' Day mitgemacht und auch zu Hause schon viel gelötet." Doch was Entschlossenheit und Orientierung angeht, ist sie eher ein Einzelfall. Darin ist sich Thomas Widinger von Rafi Eltec mit dem Leiter des gemeinsamen Ausbildungszentrums von Diehl BGT Defence und Diehl Aerospace, Jürgen Sauerborn, einig. "An dem klassischen Rollenverständnis hat sich in den letzten Jahren kaum etwas verändert", hat Sauerborn hautnah erfahren. Nur an eine Auszubildende im technischen Bereich kann er sich in den letzten Jahren erinnern, mit der angehenden Industriemechanikerin Stefanie Scherf ist eine weitere derzeit im Betrieb.

Dass das Eintagsfliegen sind, bedauert Sauerborn auch aus ganz eigennütziger Perspektive. "Der Ingenieurs- und Fachkräftemangel wird immer gravierender", sagt er, "es geht auch darum, dass wir alle Ressourcen anzapfen müssen." Dies ist ein Grund, warum Diehl so einen Aufwand betreibt, um den 24 Besucherinnen einen technischen Beruf schmackhaft zu machen. Eine selbst gelötete kleine Schaltung mit einem 5-Kanal-Lauflicht soll die Girls zuhause noch einmal daran erinnern, und ein Mini-Flaschenöffner, den sie entgratet und mit ihrem Namen versehen haben.

Doch in den Werkstätten der Jörg-Zürn-Gewerbe-Schule wird deutlich, wie schwierig das Ansinnen nach wie vor ist. Die meisten Mädchen wissen zwar noch nicht, wo es beruflich lang gehen soll. "Ich will Erzieherin werden", sagt jedoch Laura und Aylin will in einen Friseursalon. Noch frühzeitiger müsse man die möglichen Alternativen aufzeigen, sagt Daniela Joos vom städtischen Jugendreferat, die die 22 jungen Teilnehmerinnen gemeinsam mit Schulsozialarbeiterin Kirsten Gahr sowie Denise Brischar und Anne Wittmann vom CJD Bodensee-Oberschwaben an diesem Morgen begleitet. "Die Berufsberatung hat erkannt, dass die Weichen meist schon gestellt sind, wenn sie Kontakt zu den Schülerinnen bekommt", sagt Joos und hat deshalb auch schon Mädchen aus den sechsten Klassen angesprochen.

Eine familiär vorbelastete Ausnahme ist in diesem Kreis Nicole Widmann, die unbedingt Landmaschinentechnikerin werden will. In der Schreinerei feilen die Mädchen mit viel Gefühl, in der Abteilung Metall biegen und löten sie ein Geschicklichkeitsspiel. Appetit bekommen haben Anja Straub und Lena Müller in den biologischen und chemischen Labors des Berufskollegs. "Wir haben ein Parfüm gemischt", sagt Lena und lässt die anderen Mädchen riechen. Anja hat bei den

Mit großer Neugier lauschten die Mädchen bei der Rafi Eltec GmbH Ausbildungsleiter Thomas Widinger, der die Bestückung von Leiterplatten erläuterte.
Bilder: Walter
Löten gehört dazu: Daniela Banholzer bei der Firma Kirchmann.
Leonie Keller in der Schreinerei der Jörg-Zürn-Gewerbeschule.

angehenden biologisch-technischen Assistenten aus Karotten den Farbstoff ß-Carotin extrahiert, "mit Hexan", weiß sie noch genau. Es bleibt doch immer etwas hängen.

Bei der Firma Kirchmann lernten Daniela Banholzer und Susanne Bode zunächst, wie Bild und Ton in das Fernsehgerät kommen. Gerade weil Antennenbau in luftiger Höhe oder das Schleppen der Geräte nicht gerade prädestiniert für Mädchen erscheinen, versucht Wolfgang Bode den Beruf des Informationselektronikers schmackhaft zu machen, der in früheren Zeiten unter dem Begriff Fernsehtechniker firmierte. Und ohne Löten geht auch hier nichts...

 
 
 

HANSPETER WALTER, Südkurier Überlingen, 25.04.08

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