> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 24. Januar 2008
 

Eine Glatze geht auch ohne Schere

Maskenbildnerin Marion Bleutge zu Gast an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule

Überlingen - Wie schnell aus einem jungen ansehnlichen Mann ein Furcht einflößender alter Mann aus China werden kann - das demonstrierte die Maskenbildnerin Marion Bleutge von der Stuttgarter Oper, die bei acht Friseurlehrlingen in der Jörg-Zürn-Gewerbeschule Überlingen zu Gast war. Bleutge informierte nicht nur über das Berufsbild, die Voraussetzungen, das Gehalt und die Berufschancen von Maskenbildnern, sondern lieferte auch ein praktisches Beispiel ihrer Arbeit: Sie verpasste dem einzigen männlichen Lehrling Ahthir Jasso eine Glatze und machte ihn mit Hilfe von Puder und Schminke in knapp einer Stunde ein paar Jahrzehnte älter.

Schon seit vielen Jahren ist dieser Programmpunkt für Rolf Briddigkeit, Lehrer und Fachabteilungsleiter der Schule, ein fester Bestandteil bei der Ausbildung seiner Schülerinnen und Schüler im dritten Lehrjahr. Die Kontakte zu Maskenbildnern aus Stuttgart, Freiburg und Konstanz pflegt der Gewerbelehrer seit zwei Jahrzehnten. Immer wieder besucht ein Maskenbildner die Lehrlinge, um Einblicke in seine Arbeiten zu geben.

Nachdem sich die angehenden Haarstylisten täuschend echt aussehende Wunden mit Gelatine an den Armen zugefügt hatten, machte sich Marion Bleutge im Zimmer der Friseurlehrlinge auch unter den Augen mehrerer Glaserlehrlinge ans Werk. Als erstes trug sie eine Make-up-Grundlage auf. Dann ließ sie die Haare des Lehrlings verschwinden, zeichnete tiefe Falten in sein Gesicht und verpasste ihm aus grauem Kunsthaar schließlich noch ein Ziegenbärtchen, einen hängenden Schnauzbart und ein paar wenige lange Haare am Hinterkopf. "Man braucht als Maskenbildner viel Kreativität, Experimentierfreude und Geduld", erläuterte Bleutge zwischendurch. Auch künstlerisches Einfühlungsvermögen sowie Sensibilität im Umgang mit den darstellenden Künstlern gehörten dazu.

Die Maskenbildnerin Marion Bleutge gab Frisörlehrlingen an der Jörg-Zürn- Gewerbeschule Überlingen Einblicke in ihren Beruf.
Bild: KLEINSTÜCK

Die Verwandlungskünste stellten nicht nur ein aufregendes Erlebnis für die künftigen Friseure dar - der Tag sollte ihnen auch Anregungen für eine weitere Berufsorientierung bieten. "Es ist wichtig, dass die Lehrlinge nicht nur ihren Beruf kennen, sondern auch über den Tellerrand blicken", meinte Briddigkeit. Erst seit sieben Jahren sei die dreijährige Ausbildung zum Maskenbildner staatlich anerkannt und bundesweit einheitlich geregelt. "Früher war die Maskenbildnerei Teil der Frisörausbildung", erläuterte der Gewerbelehrer. Ausbildungsbetriebe könnten Theater, Film- und Fernsehproduktionen oder Festspielhäuser, Wanderbühnen oder gar Schiffe sein.

Briddigkeit sagte weiter, dass die Jörg-Zürn-Schule eine der ganz wenigen in Baden-Württemberg sei, die einen solchen Tag für Frisörlehrlinge anbiete. Für seine Kollegen an anderen Gewerbeschulen, die ihr Interesse bekundet hätten, plane er eine Fortbildung, damit auch angehende Figaros außerhalb von Überlingen einen Einblick in den Beruf des Maskenbildners erhalten könnten.

 

 
 
 

HOLGER KLEINSTÜCK, Südkurier Überlingen, 24.01.08

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