> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 02. Mai 2008
 

Auf Suche nach der verlorenen Heimat

Als Unesco-Projekt ist die Gewerbeschule der interkulturellen Verständigung verpflichtet - Integration als Thema

Seit 20 Jahren gehört die Jörg-Zürn- Gewerbeschule zu den Unesco-Projektschulen. Internationale und interkulturelle Verständigung war von Anfang an der Fokus des weltweiten Verbunds. "Heimat und Integration" lautete das Thema des jüngsten Aktionstags und bot den Schülern Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit der eigenen Situation.

Überlingen - "Wie fühlt sich Heimat an? Beginnt Heimat nicht in unseren Herzen?" Mit vielen Fragen versuchten sich die Schüler dem schillernden und nicht immer geliebten Begriff zu nähern. "Heimat ist da, wo ich verstanden werde", lautete eine Antwort, doch Fragen blieben: "Manchmal blicke ich fragend in den Himmel / Und kann nicht verstehen / Warum ich hier nicht integriert bin / So kann es nicht weitergehen".

Die Methoden und Mittel waren ganz verschieden, doch das Ziel war das gleiche: Den eigenen Wurzeln, der persönlichen Entwicklung und Geschichte nachzuspüren und sich diese bewusst zu machen. Einmal packten Schüler ihre Assoziation und Empfindungen in sprachliche Formen, Gedichte und fiktive Geschichten. Paul Baur, Lehrer für Deutsch und Geschichte, hatte Klassen des Technischen Gymnasiums und der Gewerblich-technischen Berufsaufbauschule zur Lyrik motivieren können - und es kamen bemerkenswerte Texte heraus, die aufs Neue reichhaltigen Diskussionsstoff liefern könnten.

Andere Schüler gingen dem Phänomen Migration und Heimat graphisch und genealogisch auf den Grund, zeichneten die globalen Wanderwege der Vorfahren auf Weltkarten, stellten den Stammbaum der eigenen Familie auf oder symbolisierten mit Fingerabdrücken und Flaggen die Zusammensetzung einer Klasse. Markus Bittmann, Leiter des einjährigen Berufskollegs zum Erwerb der Fachhochschulreife, hatte seine Gruppe zu Recherchen in eigener Sache motiviert. Wie bunt das Bild einer Klasse sein kann, zeigten eine Darstellung der Schüler mit ihren Fingerabdrücken und Flaggen, die der Herkunft der Eltern symbolisierten.

England und Türkei, Kroatien und Italien waren da vertreten, nur bei vier von 19 Schülern waren beide Eltern deutsch. Ein kulturelles Mosaik, über das die Schüler selbst staunten.

Aurel, Roman und Sergej hatten die Wege ihres Lebens auf einer Weltkarte eingetragen. Nur Sergej ist selbst aus Kasachstan über mehrere Stationen nach Deutschland gekommen. Romans Eltern waren von Spanien über Peru nach Mitteleuropa gelangt und er ist schon hier geboren. Die Vorfahren von Aurel hat es von Süditalien über Neuengland (USA) an den Bodensee verschlagen. Manchmal stießen sie dabei sogar auf unerwartete Hindernisse. Wenn die Großeltern es nicht wünschten, ihre Wurzeln und Wege öffentlich aufzuhängen.

"Es tun sich hier ganz unterschiedliche Perspektive und Phänomene auf", sagt Pädagoge Bittmann. Während auf der einen Seite die weltweite Mobilität binnen einer oder weniger Generationen ins Auge falle, gibt es auch andere Beispiele. Bittmann: "Es gibt Familien, da hat sich alles seit Jahrhunderten rund um Betenbrunn abgespielt."

UNESCO-Schule

In Deutschland gibt es etwa 100 so genannte UNESCO-Projekt-Schulen, weltweit sind es über 3000 in 112 Ländern. Sie haben sich auf das gemeinsame Ziel verpflichtet, die internationale 

Aurel, Sergej und Roman (von links) haben die Migrationsrouten ihrer Vorfahren und Familien auf eine Weltkarte übertragen - ein Symbol für die veränderte Mobilität, für Verlust und Suche nach neuer Heimat.
Bild: Walter

Erziehung und das interkulturelle Lernen im Schulleben zu fördern. Im Rahmen der UNESCO-Schulprojekte beteiligte sich die Jörg-Zürn-Schule in den 90er Jahren an einem internationalen Donau-Projekt mit praktischer Arbeit im Vermessungswesen und geographischen Exkursionen.

Schülergedichte

Heimat I

Es ist nun ein Jahr her, / doch es schmerzt noch sehr, / wenn ich heute denke, / wie ich vertrieben wurde aus dem Leben, das Gott mir schenkte.

Mit schmerzendem Herzen und Tränen auf den Wangen / Von den Probleme gezwungen ein neues Leben anzufangen / Flüchteten wir hierher, um in Sicherheit zu leben, / denn in meiner Heimat würde es kein Morgen geben.

Manchmal blicke ich fragend in den Himmel / Und kann nicht verstehen / Warum ich hier nicht integriert bin / So kann es nicht weitergehen.

Umgeben von Kriminellen / Die Schwächeren ihr Geld nehmen, / während Polizisten daneben stehen / um Problemen aus dem Weg zu gehen.

So sieht es aus in dem Land, / in dem anscheinend alles besser ist / keiner reicht hier dem andern die Hand / und jeder ist gleich angepisst.
Fabian, Klasse 12/2 des Technischen Gymnasiums

Heimat II

Ich bin am Rhein geboren. Bin an der Weser aufgewachsen. Anne-Marie hieß meine erste Freundin. In der Grundschule wollten die Jungs Murmeln spielen. Ich wollte Diktate schreiben. Ich hasse Unpünktlichkeit und hinterfrage alles. Bei der Bundeswehr war ich der Schnellste auf der Hindernisbahn. Ich mag deutsche Gedichte. / Ich träume deutsch. Bin ich Deutscher? Meine Eltern kommen vom Bosporus. Von ihnen habe ich meine dunklen Haare und dunklen Augen. Die Saz berührt mein Herz. Aus jeder Mahlzeit mache ich ein kleines Fest. Wenn ich an der Ägäis bin, fühle ich mich zu Hause. Börek ohne Cay geht gar nicht. Ich bete gen Osten. / Ich träume türkisch. Bin ich Türke? Und was ist mit / meinen Tränen, meinem Lachen, / meiner Angst, meinem Mut / meinem Hass, meiner Liebe, / meinen Schwächen, meinen Talenten?
Was bin ich? Wer bin ich? / Was will ich sein?
Will ich sein? / Nein. / Ich will werden.
Ich will Mensch werden.
Sali, Gewerblich-technische
Berufsaufbauschule (BAG)

 
 
 

HANSPETER WALTER, Südkurier Überlingen, 02.05.08

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