> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 02. Dezember 2008
 

Gefangen im Sprachrausch

Schriftstellerin Antje Rávic Strubel liest in der Jörg-Zürn-Gewerbeschule in Überlingen

Überlingen - Schreiben bedeutet, sich das eigene Denken anzusehen. Um dann Sätze zu bilden. Und zu zweifeln. Um mit den Zweifeln Sätze zu bilden. Und zu hoffen, dass die Sätze tragen“, schreibt die Autorin Antje Rávic Strubel. Nachdenkliche, reflektierte Worte sind das. Sie wirken wie Antje Rávic Strubel selbst: nachdenklich und reflektiert, dabei aber ganz offen und irgendwie auch ein bisschen cool sitzt sie vor den Schülern der Überlinger Jörg-Zürn-Gewerbeschule im Unterricht von Oswald Burger, liest aus ihren Büchern und diskutiert danach mit den Schülern. Ganz offen und frei.

Sehr bildhaft sind ihre Beschreibungen und ihre Prosa ist zu bodenständig, um wirklich lyrisch zu sein. Sie wirkt nüchtern, aber nicht trocken. Sätze wie „Die Beine leuchteten im Dunkeln wie Raufasertapete“, „die Luft stand schwarz unter einem fast mondlosen Himmel“ und „seine Stimme klang wie die Farbe des Wassers“ werden sparsam verwendet, wirken durch diese Reduktion aber umso stärker. Sie geben dem Text Tiefe, ohne ihn zu überladen.

Antje Rávic Strubel gelingt es, die Schüler mit ihren Worten vollkommen in ihren Bann zu ziehen. Ganz aufmerksam lauschen die Jugendlichen. Haben Zuhör-Gesichter: Die typischen Mienen von Menschen, die vollkommen in einer Handlung, in einer Geschichte gefangen sind. Und dann, später, als Antje Rávic Strubel nicht mehr vorliest, als Fragen zugelassen werden, wollen die Schüler wissen, wie die in der DDR aufgewachsene junge Frau das System erlebt hat. Sie habe, so berichtet Strubel, immer eine gewisse Doppelgleisigkeit empfunden. „In der Schule wurde das eine gesagt und zu Hause was ganz anderes. Es war immer 

Antje Rávic Strubel spricht mit Schülern über das Schreiben und über das Leben in der DDR.
Bild: BAST

ein Unterschied zwischen der offiziellen Meinung und dem, was wir dachten. Und es war immer irgendwie ein Misstrauen gegenüber den Mitmenschen da.“

Ob sie vom Schreiben leben kann, fragt ein Jugendlicher. Ja, sagt sie. Nicht von den Büchern allein, aber es gebe in Deutschland immer noch viele Stipendien für Schriftsteller. Sie kenne aber auch viele Menschen, die vom Schreiben nicht leben können.

Wie sie denn auf den Namen „Rávic“ gekommen sei, will ein Schüler wissen. Das sei ein Künstlername, antwortet sie. Und: „Ich habe das Gefühl, wenn ich schreibe, bin ich jemand anders.“ Sie sei dann „in einer Art Sprachrausch.“ Und als sie nach einem passenden Namen suchte, habe sie versucht einen Klang zu finden, der dem Gefühl entspricht, das sie hat, wenn sie schreibt.

 
 
 

Eva-Maria Bast, Südkurier Überlingen, 02.12.08

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