> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 23. Januar 2009
 

Vom anderen Sinn des Lebens

Der gelähmte Lars Höllerer zu Gast im Ethik-Unterricht an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule

Überlingen - Sonst sind sie nicht so sprachlos“, versichert Lehrerin Agnes Langlois glaubhaft, als Lars Höllerer seine persönliche Geschichte erzählt hat und plötzlich Funkstille im Raum herrscht. Sicher, das Thema ist schwierig und kaum einer der Berufsfachschüler der Jörg-Zürn-Gewerbeschule war so unmittelbar mit einer starken Behinderung und der Frage nach dem Sinn des Lebens konfrontiert. Gerade deshalb hatte die Pädagogin den querschnittsgelähmten Überlinger Rollstuhlfahrer und Maler in eine Stunde ihres Ethik-Unterrichts eingeladen und irgendwann standen die zentralen Fragen im Raum: Was macht das Leben aus? Wo sucht man nach dem Sinn des Lebens, wenn es keinen mehr zu bieten scheint?

„Ich mache das nicht täglich, deshalb bin ich auch ein bisschen nervös“, hatte Lars Höllerer eingangs formuliert – fast als wolle er den Schülern gegenüber etwas die Angst nehmen. Hier an der Schule habe er das BVJ besucht, sagt er, sei dann auf das Wirtschaftsgymnasium gegangen. Doch viel Lust zu lernen habe er damals nicht gehabt, sei zur Bundeswehr gegangen. Dann kam der Tag, als sich der folgenschwere Unfall mit dem Motorrad ereignete – unterhalb des Gehrenberg.

„Ich war eher ein Draufgänger“, sagt Höllerer und kann heute darüber schmunzeln. Er habe Discos und Partys geliebt, sich nach dem Unfall und dem verhängnisvollen Bruch der Halswirbelsäule lange gegen einen Rollstuhl gesträubt. Ganz ruhig, mit eingestreuten Witzen und einer guten Portion Selbstironie, schilderte er sein Schicksal, die Tiefen, durch die er gegangenen ist, und wie er zu neuem Selbstwertgefühl gefunden habe. Dabei habe ihm die Mundmalerei geholfen – und der Glaube an Gott. „Warum müssen kleine Kinder

Der nach einem Motorradunfall gelähmte Überlinger Lars Höllerer war Gast im Ethik- Unterricht einer Berufsfachschulklasse. 
Bild: WALTER

sterben?“ Diese Frage sei nicht zu beantworten. Hier höre das Wissen auf und fange der Glaube an.

„Was für ein Motorrad war das?“, lautete eine erste Frage der Schüler, die das Eis zu brechen begann und: „Wie ist denn der Unfall passiert?“ Ist das Überleben im Rollstuhl besser, steht als Frage im Raum. Ja, er habe am Anfang auch so gedacht: „Mit dem Lars im Rollstuhl wollte ich nichts zu tun haben“, erinnert er sich. „Ich wollte mich auch umbringen.“

Heute sieht Höllerer die Situation anders. „Ich muss keine Maske mehr aufsetzen, muss keine bestimmte Rolle spielen. Jeder sieht ja, dass ich behindert bin.“ Und cool verabschiedet er sich: „Ich wünsche euch eine gute Zeit und lasst euch nicht so stressen von den Lehrern.“ Den Schülern nötigt das Respekt ab.

 
 
 

HANSPETER WALTER, Südkurier Überlingen, 23.01.09

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