> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 19. Februar 2009
 

Schulen sperren Schüler heute aus

Nach Alkoholexzessen und Gewalt vergangenes Jahr sind zwei von drei beruflichen Lehranstalten dicht

Der „Schmotzige Dunschdig“ ist ein regulärer Schultag – bis die Narren kommen: Die Befreiung der Schulen ist ein Stück Brauchtum. Vergangenes Jahr schlugen einige Schüler jedoch offensichtlich derart wüst über die Stränge, dass die Jörg-Zürn-Gewerbeschule und die Justus-von-Liebig-Schule heute einfach zusperren. Narrenvater Thomas Pross sieht darin „schon eine sehr seltsame Entwicklung“.

Überlingen - Zwei von drei beruflichen Schulen in Überlingen bleiben heute Vormittag dicht. Die verantwortlichen Schulleiter, Gerhard Bertsche in der Justus-von-Liebig-Schule, und Kurt Boch in der Jörg-Zürn-Gewerbeschule, sehen darin momentan die einzige Möglichkeit, auf die Vorkommnisse am Schmotzigen Dunschdig vergangenen Jahres zu reagieren.

„Das ist nur ein Versuch“, unterstreicht Boch, dass die fastnachtliche Aussperrung derzeit als einmaliges Warnsignal gedacht ist. „Wir hatten letztes Jahr derart große Probleme mit Alkohol und Vandalismus, dass wir nun ein Zeichen setzen wollen.“ Trotz Kontrollen seien Massen an Wein und Wodka in die Justus-von-Liebig-Schule geschmuggelt worden. Seit Jahren wird der Schmotzige in den drei beruflichen Schulen reihum gefeiert, dieses Jahr wäre die Jörg-Zürn-Gewerbeschule der Ausrichter gewesen.

Am Ende sei es zu Gewaltausbrüchen gekommen, erinnert Bertsche, so dass die Polizei Platzverweise erteilen musste. Einer der fortgeschickten sturzbetrukenen Schüler sei zurück gekommen und habe die schwere gläserne Schuleingangstüre eingetreten. Deshalb hätten die Gesamtlehrerkonferenzen entschieden, „das machen wir nicht mehr mit“.

„Das soll kein Affront gegen die Narrenzunft sein“, sagt Bertsche, „aber wir haben auch eine pädagogische Aufgabe. „Von der Tradition her gesehen ist das sicher schade“, meint auch Boch. Er hoffe, dass den Schülern die Situation nach dem dieses Mal gesetzten Zeichen bewusst wird und die Mehrheit in Zukunft sagt: „Wir passen da selber mit auf.“ Auch Bertsche hofft. „Aber ob das in den Griff zu kriegen ist, ich habe da so meine Zweifel – irgendwo ist das ja traurig.“

Narrenvater Thomas Pross ist „ziemlich verwundert“: „Dass Schulen am Schmotzigen einfach zusperren, ist schon eine sehr eigenartige Entwicklung.“ Die Narrenzunft sehe es sehr kritisch, wenn Schulen am Schmotzigen einfach nicht mehr mitmachen. „Dann muss man für den Vormittag eben andere 

Fällt aus: Die Befreiung an den beruflichen Schulen, hier mit Narrenrat Fridolin Mandausch  2007, findet dieses Jahr nicht statt - Die Schulleiter Kurt Boch (vorne rechts auf der Treppe) und Gerhard Bertsche schließen heute zu.  
Bild: Archiv

Organisationsformen finden“, verweist Pross auf die in anderen Schulen von den Schülern selbst organisierten Programme und Partys. „Einfach zusperren ist sicher der falsche Weg.“

„Ich habe den Beschluss mitgetragen,“ stellt sich Gerhard Krimmer von der Constantin-Vanotti-Schule neben seine beiden Kollegen. Doch dort bleibt dennoch auf, weil sich im Vorfeld Widerstand regte. „Wenn die Initiative nicht von den Schüler selbst gekommen wäre, hätten wir sicher auch zugesperrt“, sagt Krimmer. Dass einige Schüler statt eines freien Tages lieber Schulfasnet machen wollen, ist Krimmer ein Zeichen dafür, dass „die Verbundenheit der Schüler zur Schule doch relativ groß ist. Zusammen mit engagierten SMV-Lehrern wird an der Wirtschaftsschule nun ein „Hexenfrühstück“ angeboten.

Etwa 100 Schüler und rund 20 Lehrer wollen laut Krimmer da sein. „Ich bin gespannt, ob das tatsächlich so läuft.“ Das Hexenfrühstück übrigens sehen Boch und Bertsche dann doch als Alternative für ihre eigenen Schüler, sollten heute einzelne kommen.


Kommentar zur Aussperrung der Schüler am Schmotzigen Dunschdig aus zwei Überlinger Berufsschulen.

Zusperren ist keine Lösung

Sicher, der Schmotzige Dunschdig sieht heute an den Schulen anders aus als vor 25 Jahren, als noch Unterricht gemacht wurde, bis die Narren kamen. Doch viele Schulen, allen voran Gymnasium und Realschule, fanden inzwischen mit viel Kreativität und in Verantwortung der Schüler neue Formen, den Vormittag bis zur Befreiung zu feiern.

Zugegeben, in den beruflichen Schulen mit ihren vielen Schultypen von den Förderklassen bis zu den beruflichen Gymnasien und einem hohen Anteil Auswärtiger, die lieber in ihren Dörfern feiern, gehen die Uhren anders. Aber der Widerstand gegen die närrische Aussperrung in der Wirtschaftsschule zeigt, dass die Lust an der Schulfasnet doch verwurzelt ist. Einfach zusperren ist keine Lösung. So weit hätte es nicht kommen müssen, wenn sich Lehrer und Schüler, die SMV, sofort nach den Exzessen des vergangenen Jahres zusammengesetzt hätten, um einerseits selbst eine Party auf die Beine zu stellen – und andererseits über die Klassenverbände Druck auf jene auszuüben, die über die Stränge geschlagen haben. Das wären die pädagogischen Aufträge gewesen.


Martin Baur

 
 
 

MARTIN BAUR, Südkurier Überlingen, 19.02.09

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