> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 15. August 2009
 

Aus dem Urlaub in die Kälte des KZ-Stollens

Generalinspekteur der Bundeswehr besichtigt Überlinger KZ-Stollen

Wolfgang Schneiderhan, der Generalinspekteur der Bundeswehr, verbrachte seinen Urlaub in Überlingen. Auf Vermittlung seines alten Freundes Ernst Arnegger aus Markdorf kam die Besichtigung des Überlinger KZ-Stollens und der Dokumentationsstätte zustande, die den obersten deutschen Soldaten in der Art, wie die Geschichte hier aufgearbeitet wird, tief beeindruckten.

Überlingen - Am kältesten ist es im KZ-Stollen, wenn sich das schwere Stahltor am Eingang hinter einem heißen Sommernachmittag schließt. Herrscht draußen Badewetter, ist der Eintritt in das vier Kilometer lange Tunnelsystem, von dem heute noch zwei Drittel mit dem Lastwagen befahrbar wären, wie eine Zeitreise mit dem Katapult. „Wir gehen jetzt in den späten Winter“, erklärt Oswald Burger, „hier hat es elf Grad“. Immer. Auch damals zwischen Oktober 1944 und April 1945, als hier 800 KZ-Häftlinge unter mörderischen Bedingungen gruben, um bombensicheren Raum für die von Luftangriffen bedrohte Friedrichshafener Rüstungsindustrie zu schaffen, was 170 Häftlingen das Leben kostete.

Obwohl Wolfgang Schneiderhan eine gute halbe Autostunde entfernt aufwuchs, in Bad Saulgau, war ihm die „Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen“ bisher fremd. Auch den Geschichtslehrer und SPD-Stadtrat, dem Überlingen diesen offenen Umgang mit seiner Vergangenheit zu verdanken hat, kannte der höchste deutsche Soldat bisher nicht. Am Ende des zweieinviertelstündigen Rundgangs durch die Düsternis der Stollen und der dahinterstehende Geschichte wird der Generalinspekteur der Bundeswehr sagen: „Ich bedaure, dass ich so alt geworden bin, bevor ich das alles erfahren habe, was hier an Historie aufbereitet wird und die Art und Weise, wie das aufbereitet worden ist, wie Herr Burger das geschildert hat, das ist sehr beeindruckend.“

Der Vier-Sterne-General Schneiderhan und seine Frau Elke verbrachten drei Wochen Sommerurlaub in Überlingen, der heute endet. Dass Schneiderhan kurz vor der Rückreise nach Berlin Oswald Burger und die Arbeit des von ihm 1996 gegründeten Vereins „Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch“ kennen lernt, verdankt er einem alten Freund. Er und Ernst Arnegger, CDU-Kreisrat und Ex-Landtagsabgeordneter aus Markdorf, kamen gemeinsam 1966 zum Bund. „Ich habe mich mit Ernst getroffen, weil ich hier in Urlaub bin und er in der Nähe wohnt, abends sind wir irgendwie auf diesen Stollen zu sprechen gekommen.“ Arnegger habe von Burger erzählt, ebenso Elisabeth Arnegger. „Dann habe ich gesagt, wenn das möglich wäre, solange ich noch hier bin, würde ich das gerne einmal sehen.“ Daraufhin nahm Arnegger Kontakt zu seinem alten Schulfreund Burger auf.

Als die Gruppe in den Katakomben unterwegs ist, weiß Schneiderhan indes schon einiges zu ihrer Geschichte. Am Abend zuvor hatte er sich im „Schäpfle“ mit Erwin Teufel zum Essen getroffen.

Oswald Burger erzählt die Geschichte des Überlinger KZ-Stollens und der Menschen, die hier arbeiteten und starben. In Elisabeth und Ernst Arnegger, in Wolfgang und Elke Schneiderhan hat er höchst interessierte Zuhörer (von links).
Bild: Baur

Der ehemalige CDU-Ministerpräsident, der seit vielen Jahren eine Ferienwohnung in Überlingen besitzt, hatte Sozialdemokrat Burger nach einer Stollenbesichtigung zum Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen, das der Historiker 2007 erhielt. „Als ich Erwin Teufel erzählt habe, dass unsere Kinder auf dem Zeltplatz hier waren, hat er gefragt ob ich denn wisse, auf welchem historischen Grund der stehe?“, referierte Schneiderhan das Gespräch und meint beschämt: „Ich musste zugeben, dass ich es nicht weiß – dann hat er mir das erzählt, dass der auf dem Abraummaterial aus dem Stollen steht und so hat sich der Kreis dann geschlossen.“

Die erste Stunde im Stollen hörte Schneiderhan Burger fast nur zu, nickt immer wieder, nachdenklich und beipflichtend. Immer tiefer geht es ins Labyrinth und seine Geschichte, zu der auch gehört, wie Burger in den vergangenen Jahrzehnten Freundschaften zu den ehemaligen Häftlingen quer durch Europa aufbaute. Und als Gewerbeschullehrer Burger berichtet, wie seine Klassen der Überlinger Jörg-Zürn-Gewerbeschule Kriegsgräber im Auslandpflegen, beginnt Schneiderhan von seinem eigenen Engagement im „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ zu erzählen. Davon, wie er sich dort für die deutsch-russische Aussöhnung stark macht. Und wie es 2008 doch noch gelang, im Kaukasus einen Friedhof für deutsche Gefallene einzuweihen – zur Zustimmung und zur Teilnahme waren die Russen erst bereit, nachdem ihnen Schneiderhan und der Volksbund verdeutlicht hatte, dass die Organisation in Deutschland auch russische Soldatenfriedhöfe pflegt. „Verständigung muss das alles überragende Ziel sein“, hatte Schneiderhan damals den russischen Militärs in Krasnodar in seiner Ansprache gesagt. Zurück aus dem Stollen lobt er Oswald Burger: „Ich denke, es ist ganz wichtig, dass man diese Zeit auch so offen angeht und sich damit beschäftigt. “ Und als der Feriengast aus Berlin sich von Burger verabschiedet, scheint es, als ob der General und der überzeugte Antimilitarist Burger in ihrer Arbeit für die Aussöhnung ein kleines bisschen seelenverwandt wären.

 
 
 

Martin Baur, Südkurier Überlingen, 15.08.09

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