> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 23. April 2009
 

Alt-Stadtrat Eberhard Pross schreibt den „Schlusspunkt“ seines politischen Lebens

„Begegnungen mit Leib und Seele“. Pross widmet das Buch seiner Heimatstadt Überlingen.

Überlingen - Eberhard Pross feiert, kaum zu glauben, im Oktober 79. Geburtstag. Doch sein Tatendrang scheint ungebremst. Eigentlich sitzt der Ex-Gemeinderat, Oberstudiendirektor in Ruhe und frühere Funktionär in einer ganzen Handvoll von Vereinen nur bei Oberbürgermeisterin Sabine Becker, um ihr sein neues Buch druckfrisch zu überreichen. Und doch macht er wieder ein bisschen Politik.

„Begegnungen mit Leib und Seele“ lautet der Titel. „Betrachtungen aus einer Kleinstadt“ der Untertitel. Doch nicht nur deshalb, weil die Menschen, deren Lebenswege sich mit dem von Eberhard Pross hier in Überlingen kreuzten, die Basis seiner Betrachtungen sind, war es der Wunsch des Autors, sein 284 Seiten starkes Werk offiziell zu übergeben. Am Tisch im Dienstzimmer mit Oberbürgermeisterin Sabine Becker sitzend, zeigt Pross ihr die Zueignung: „Meiner Heimatstadt Überlingen am Bodensee gewidmet“ steht da. „Das ist ja schön“, sagt Becker und meint: „Ich werde Ihnen zusagen, dass ich das Buch lese.“

Die politische Zusage, zu der sich Becker spontan hinreißen ließ, freute Pross augenscheinlich mindestens genauso. „Da kämpfe ich aber dagegen“, entfuhr es Becker, nachdem der ehemalige Leiter der Jörg-Zürn-Gewerbeschule deutlich vor den Begehrlichkeiten aus der Kreisstadt Friedrichshafen warnte, die in Überlingen beheimateten Kreisschulen in die Kreisstadt abzuziehen. „Ich hoffe nicht, dass es da konkrete Pläne gibt“, verwies Pross auf die Verlegung der Elektronikschule und mahnte: „Salamitaktik“.

Für den altgedienten Kreisrat, der noch die Kommunalreform zu Beginn der 1970-er Jahre miterlebte, bleibt das Verhältnis zwischen dominierender Kreisstadt Friedrichshafen und dem kleineren Überlingen aktuelles Thema.

Die neue Oberbürgermeisterin lässt schnell merken, dass sie sich vorher kundig gemacht hat, welch kommunalpolitisches Urgestein sich hier aus dem Ruhestand meldet und hört interessiert zu. Das Buch, das vor den beiden liegt, ist indes keine politische Abrechnung des Kreis- und Gemeinderates. Es ist nur insofern politisch, als Politik Menschen prägt und beeinflusst. „Es ist ein  Buch, das zum Nachdenken anregt“, charakterisiert Pross selbst, „wimmelnd von Fragezeichen“.

Seiner Heimatstadt Überlingen hat Eberhard Pross sein 284 Seiten starkes Lesebuch zum Nachdenken gewidmet, das er jetzt Oberbürgermeisterin Sabine Becker überreichte.
Bild: Baur    

Typisch Pross. Er war im Beruf Schulmeister aber nie schulmeisterlich. „Für mich war Schule immer Erziehungsraum und nicht und nicht nur Unterrichtsstätte“, hört Becker das Credo eines Lehrers, der unter seinen Schülern für Fairness und Toleranz berühmt und beliebt war. Auch in der Politik war Pross immer um Ausgleich bemüht und dennoch nie einer, der mit den Wölfen heulte. Weil er immer hinterfragte und mit gescheiten Gedanken hinleitete zu oft unkonventionelle Lösungen. Und sich dabei nie alle Fragen selbst beantwortete.

Umweltschutz, Wirtschaftkrise, unsere kulturelle Identität, die nicht nur Happening sein dürfe, gerade nicht „in der kultivierten Stadt, in der wir leben“ – Pross befasst sich in den Kapiteln mit allen Themen, die den tief humanistisch geprägten Menschen, den umfassend gebildeten Christ, ein Leben lang umtreiben. Ihn, der in abendländischer Kulturgeschichte so zuhause wie in der Naturwissenschaft. In diesem komplexen Erlebenshorizont bewegen sich die „überwiegend auf Tatsachen beruhenden“ Geschichten. Als „Schlusspunkt“ seines politischen Wirkens, wie Pross selbst meint. Becker: „Ein schöner Schlusspunkt – eine politische Schlüsselübergabe.“

Eine, die den Menschen immer im Vordergrund sieht. Getreu dem Zitat des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber, das Pross seiner unterhaltsamen Anleitung zum Nachdenken vorweg setzt: „Alles Leben ist Begegnung“.


Eberhard Pross

Geboren wurde Eberhard Pross am 1. Oktober 1930 zwar in Berlin, doch kam er schon als Kind nach Überlingen, das ihm zur Heimat wurde. Nach dem Abitur lernte er das Zimmererhandwerk und studierte danach in Stuttgart. Pross wurde Berufsschullehrer für Bautechnik, Physik und evangelische Religion. Unter seiner Leitung prosperierte die Jörg-Zürn-Gewerbeschule, zu den zahlreichen Schultypen von Förderjahr bis zum Technischen Gymnasium kam das Berufskolleg für Biologisch Technische Assistenten dazu und die Lehranstalt wurde zur Unesco-Projekt-Schule ernannt. Gleichzeitig war der Oberstudiendirektor politisch aktiv, prägte die Freie Wählervereinigung fast 25 Jahre bis 2002 als deren Fraktionssprecher im Gemeinderat. Ebenso lange gehörte er dem Kreisrat an. Pross engagierte sich aber auch als Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender der Ortsgruppe des THW, im Kirchengemeinderat und in weiteren Vereinen. Den CVJM hatte er gleich nach dem Krieg noch als Schüler gegründet und ergänzte ihn später durch eine Boxabteilung, aus dem schließlich der Verein „Ringtrotters“ entstand.

      
 
 
 

Martin Baur, Südkurier Überlingen, 23.04.09

nach oben