> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 22. April 2010
 

"Leute wie uns wollen die nicht"

Wie man sich fühlt, wenn man den Hauptschulabschluss nicht schafft

Überlingen - „Es ist unsere allerletzte Chance. Das wissen wir ganz genau und wir strengen uns an, diese Chance wirklich zu nutzen.“ Talin Georgis, 17 Jahre alt, besucht das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) der Justus-von-Liebig-Schule im Überlinger Schulzentrum. Das BVJ ist, wie Berufslotse Jörg van de Loo sagt, dafür da, Jugendliche aufzufangen, die „bisher durch alle Netze gefallen sind“ und den Hauptschulabschluss nicht geschafft haben. Das Netz des BVJ ist sehr feinmaschig und Jörg van de Loo und seine Kollegin Hanim Heim verwenden in enger Zusammenarbeit mit den Lehrern viel Zeit darauf, das Selbstvertrauen der BVJler wieder zu stärken und ihnen zu einem guten Start ins Berufsleben zu verhelfen.

Und das ist dringend nötig, denn wie Talin Georgis und ihre Klassenkameraden das schildern, ist es nicht gerade leicht, als BVJ-ler ein Praktikum, geschweige denn einen Ausbildungsplatz zu bekommen. „Sobald die Leute bei denen wir uns bewerben hören dass wir vom BVJ sind, wollen sie oft nicht mehr“, beschreibt Özlem Zakir. Und Talin Georgis ergänzt: „Die haben halt im Kopf, dass wir diejenigen sind, die in der Schule nicht aufgepasst haben und die oft gestört haben. Leute wie uns wollen die nicht. Dabei kann man doch gute Arbeit machen, auch, wenn man in der Schule schlecht war.“ Talin Georgis sagt: „Es tut schon ziemlich weh, aber man darf das nicht so schwer nehmen und muss es akzeptieren. Es ist nicht wirklich fair, aber es ist nun mal deren Meinung. Und es sind ja nicht alle so. Manche geben einem eine Chance, schauen, wie man arbeitet, und entscheiden dann. “Und Özlem Zakir sagt: „Ich würde mir wünschen, dass die Ausbilder mehr auf den Menschen schauen, als auf den Lebenslauf.“ Und: „Wir sind auch Menschen und wir haben auch Rechte. Nur, weil wir auf dem BVJ sind heißt nicht, dass wir dumm sind. Ich habe das Gefühl, dass die Menschenrechte von denen, die so auf uns runtergucken, nicht eingehalten werden.“ Diese Erfahrung machten sie auch innerhalb der Schule, beschreibt Talin Georgis. „Viele Schüler die einehöhere Ausbildung machen als wir denken, sie sind was besseres und lassen uns das auch spüren. Und wenn was passiert ist, zum Beispiel, wenn im Flur jemand geraucht hat, dann heißt es sofort, das sei einer vom BVJ gewesen.“

"Zusammenhalt ist alles!", finden diese vier BVJ-Schülerinnen (von links): Merlina Sejdic, Özlem Zakir, Talin Georgis und Secda Cakmak.
Bild: Bast

Andererseits sei es auch eine Herausforderung, sich beweisen zu müssen, sagen Talin und Özlem. Auch Merlina Sejdic erklärt: „Man fühlt sich dumm und muss allen beweisen, dass man es doch kann. Das ist schon auch ein Ansporn. Das gibt so den richtigen Kick.“

„Es geht um unsere Zukunft und an der müssen wir arbeiten“, sagt Özlem. Um eine bessere Chance auf eine gute Berufsausbildung zu haben, überlegen Özlem und Talin, ans BVJ, das mit dem Hauptschulabschluss endet, die so genannte „Zweijährige“ anzuschließen, bei der der Realschulabschluss erworben werden kann.

„Unsere Berufschancen sind dann später einfach besser“, sagt Talin. Und: „Außerdem fällt mir das Lernen hier leichter als früher auf der Hauptschule. Wir haben hier den Stoff von früher noch mal wiederholt und irgendwie bleibt das alles besser im Kopf.“

Zu erkennen, dass ein Realschulabschluss sinnvoll wäre, um den Traumberuf zu erreichen, ist einer der Erfolge, die die Mädchen in Zusammenarbeit mit den Jugendberufslotsen erarbeitet haben. Denn Heim und van de Loo definieren mit den Schülerinnen und Schülern ihre Stärken und Schwächen, suchen den Traumberuf und zeigen den Weg dorthin auf. Hanim Heim: „Zu unseren Aufgaben gehört es auch, den Schülern zu zeigen, dass sie nicht in der Sackgasse sitzen, dass ihnen immer noch Wege in eine glückliche und erfolgreiche Zukunft offen stehen.“

 
 
 

Eva-Maria Bast, Südkurier Überlingen, 22.04.10  

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