> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 02. Juli 2010
 

In der Reihe derer, die überleben dürfen

Erzähltheater zum Holocaust an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule mit Anna Herz

Überlingen - „Granny sagt: Wenn es einen Gott gäbe, dann würde ich mich umbringen. Denn ein Gott, der Auschwitz zulässt, wäre ein Massenmörder“, erzählt Mary Ann (Anna Herz, Stadttheater Konstanz) Schülern der Klasse 11/1 des Technischen Gymnasiums an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule bei ihrem Erzähltheater „das ist Esther.“ Und sie sagt: „Als sie mir damals alles erzählt hatte, war ich geschockt. Ich hatte eine Zeitlang Angst, über offene Plätze zu gehen. Ich fühlte mich so ungeschützt.“ Auch die Schüler sind geschockt – oder zumindest sehr berührt – von dem, was Mary Ann da erzählt. Wie ihre jüdische Großmutter ins Lager gebracht wurde. Wie ihr Mann drei Tage nach der Hochzeit auf eine Deportation geschickt wurde. Wie die Großmutter Listen aller Kinder schreiben musste, die ins Lager kamen. Und dass die Kinder dann in ein Heim gebracht und meist ermordet wurden. Und dann: Die Stimme der Großmutter auf Band: „In Auschwitz wurden uns die Haare abgeschoren. Wir dachten: Jetzt geht's ins Gas, aber es kam Wasser, es war sehr kalt.“ Danach, berichtet Mary Ann, wurde ihre Großmutter in Klamotten von jemandem gesteckt, „bei dem kein Wasser kam.“

In einem Nachgespräch mit Schauspielerin Anna Herz und Regisseur Felix Strasser werden die Schüler gefragt, welcher Satz ihnen am stärksten in Erinnerung geblieben ist. David Sinner sagt: „Der Moment, in dem Esther in Auschwitz an der Selektionsrampe steht.“ Und die Schüler sprechen über die absurde Situation, wenn ein Mensch 

Schauspielerin Anna Herz in der Rolle der Mary Ann, der Enkelin einer jüdischen Dame, die den Holocaust überlebt hat.
Bild: Bast

miterleben muss, dass der Freund in den Tod  geschickt wird, während man selbst in die andere Reihe kommt, in die Reihe derer, die überleben dürfen.“

Und warum, fragen sich die Schüler, ist das Bedrückende des Inhalts für die Zuschauer dennoch erträglich?“ Die Antwort, die die Schüler finden: „Weil Mary Ann immer wieder vom Überlebenswillen der Großmutter Esther, und auch von der Gegenwart erzählt. Und von ihren Phantasien, als Regisseurin einen Film zu drehen.“

Das Stück „Esther“ wird auch am 1. August, 15 Uhr, im Foyer des Kursaals aufgeführt.

 
 
 

Eva-Maria Bast, Südkurier Überlingen, 02.07.10  

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