> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 12. November 2009
 

Auf den Spuren von Esther

Theaterstück zeigt Überlinger Schülern die Geschichte einer Holocaust-Überlebenden

Überlingen - Wartet ihr auf Esther?“, fragt die junge Frau und steckt den Kopf zögerlich durch die offene Tür. „Ich bin ihre Enkelin Mary Ann. Esther liegt im Krankenzimmer.“ Sie wirkt nervös, als sie den Raum betritt. Vor ihr sitzen rund 20 Zwölftklässler des Technischen Gymnasiums Überlingen. Eigentlich hatten die Jugendlichen eine ältere Dame erwartet. Esther Bauer, eine jüdische Frau in den Achtzigern, die den Holocaust überlebt hat. Doch Esther kommt nicht. Stattdessen erzählt Mary Ann den Schülern die Lebensgeschichte ihrer Großmutter.

Das Stück „Das ist Esther“ verwandelt das Klassenzimmer im ersten Stock der Jörg-Zürn-Gewerbeschule in eine Theaterkulisse. Protagonistin ist die 19-jährige Mary Ann. Sie wird gespielt von der jungen Schauspielerin Anna Hertz. Inszeniert hat das Bühnenwerk „Das ist Esther“ Felix Strasser, Regisseur am Jungen Theater Konstanz. Mary Ann ist eine fiktive Rolle. Doch ihre Großmutter Esther Bauer gibt es wirklich. Die gebürtige Hamburgerin ist inzwischen 85 Jahre alt und lebt in New York. Das Stück erzählt ihre Lebensgeschichte.

„Meine Granny hat nicht an Gott geglaubt. Sie ging nur wegen der Jungs in die Synagoge“, erzählt Mary Ann von den unbeschwerten Jugendjahren ihrer Großmutter und die Schüler lachen. Als sie von Esthers Deportation nach Theresienstadt spricht, wird es plötzlich ganz still im Klassenzimmer. Gebannt lauschen die Jugendlichen dem Schicksal der jungen Jüdin, die in insgesamt vier Konzentrationslagern ums Überleben kämpfte. „Sie überlebte, weil sie arbeitsfähig war“, schildert Mary Ann. „Auschwitz war das schlimmste Lager von allen. Wir gingen ins Bad und dachten, jetzt kommt das Gas. Aber dann kam nur Wasser und das Leben ging weiter“, zitiert die junge Frau Esther Bauer.

Fotos, Originaldokumente und Videos von Esther Bauer, die Mary Ann auf einem Laptop abspielt, bringen ihr Schicksal den Schülern noch näher. „Es wirkt so, als wäre Esther mit im Klassenzimmer“, bemerkt Regisseur Felix Strasser. Nach ihrer Befreiung durch die Amerikaner aus dem KZ Mauthausen soll Esther gesagt haben: „Ab jetzt mache ich nur noch was ich will.“ In New York hat sie schließlich eine neue Heimat gefunden.

Das Stück endet genauso plötzlich, wie es begonnen hat. „Granny, ich bin in einer Sekunde bei dir“, spricht Mary Ann in ihr Handy und verlässt den Raum. Im Klassenzimmer ist es mucksmäuschenstill. Erst als Felix Strasser sagt „Wenn ihr klatscht, kommt sie auch wieder rein“, applaudieren die Schüler. Im Anschluss suchen Regisseur und Hauptdarstellerin das Gespräch mit den Schülern. „Das Stück war sehr persönlich. Im Geschichtsunterricht werden immer nur Daten und Fakten geschildert“, findet einer der Zwölftklässler.

„Ist einer von euch jüdisch?“, fragt Mary Ann, gespielt von Anna Hertz (rechts), die Zwölftklässler des Technischen Gymnasiums Überlingen zu Beginn des Theaterstücks „Das ist Esther“.
Bilder: Schlichter

"Durch die
Originaldokumente
wirkt das Stück, als
wäre Esther mit im
Klassenzimmer."


Felix Strasser,
Regisseur
"Wir haben die
Verantwortung, dass
etwas wie der
Holocaust nicht noch
mal passiert."

Adrian Wiemer (20)

"Die Schauspielerin
hat die Geschichte
sehr gut
rübergebracht. Sie
war echt mitreißend."

Anja Dobrinsky (18)

 
 
 

Juliane Schlichter, Südkurier Überlingen, 12.11.09  

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