> Pressespiegel > Bericht: Südkurier, 26. Juli 1999
 

Begegnungen in Bad Schandau: "Wir schaffen es"

Schülerinnen und Schüler des Technischen Gymnasiums Überlingen
unterwegs in Thüringen und Sachsen sowie in der Partnerstadt

Überlingen - Im Rahmen einer Studienfahrt besuchte die elfte Klasse des Technischen Gymnasiums an der Jörg.Zürn-Gewerbeschule die Bundesländer und Sachsen. In Weimar, in diesem Jahr "Kulturhauptstadt Europas", begegneten die Schüler den beiden Klassikern "Goethe" und "Schiller" in ihren Wohnhäusern und der deutschen Zeitgeschichte in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald.

In Dresden gab es zahlreiche Möglichkeiten, kulturelle Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Symbolisch für den Wiederaufbau Dresdens ist die Rekonstruktion der Frauenkirche, deren Höhe inzwischen 23 Meter beträgt. Am interessantesten war der Aufenthalt in der Überlinger Partnerstadt Bad Schandau. Die Schüler des Technischen Gymnasiums fühlten sich wohl in der gemütlichen Jugendherberge in Ostrau, lernten die Landschaft des Elbsandsteingebirges der sächsischen Schweiz auf verschiedenen Wegen kennen, bei einer Wanderung durch den Nationalpark, bei einer Paddeltour elbabwärts und bei Kletterübungen in Sebnitz.

Jugendherbergsvater Josef Zuber versuchte zu vermitteln, man habe sch früher besser verstanden, habe sich öfters getroffen, miteinander geredet und einander geholfen. Kultur und Jugendarbeit seien selbstverständlicher gefördert worden als heute. Am spannendsten fanden die Schüler die Begegnungen mit Bad Schandauer Bürgern, die über ihr Leben in der DDR, die Veränderungen durch die Wende und die heutige Lage Auskunft gaben. H. Platschek, der 43 Jahre lang als Lehrer in Bad Schandau unterrichtet hatte, berichtete vom Alltag in der Nachkriegszeit und seiner Arbeit als Chemielehrer. 
Er bedauerte, daß seine Schule inzwischen aufgelöst wurde. Der ehemalige Bürgermeister Heinz Eidam, der heute parteiloser Gemeinderat und in sozialen Organisationen tätig ist, schilderte seine Schwierigkeiten im damaligen Amt und versuchte seinen Zuhörern zu vermitteln, daß man die damaligen Probleme nicht so tragisch nahm und daß auch die Wende viele Probleme mit sich gebracht habe. Nachdem er als Bürgermeister keinen Kontakt zu seinen Verwandten im Westen haben durfte, waren seine Eindrücke bei den ersten Besuchen in Überlingen überwältigend. Die Katechetin und Religionslehrerin Vetter war schon vor der Wende in der Kirche aktiv gewesen und sei über den "Kirchenkurier" besser über problematische Erscheinungen informiert gewesen als andere Mitbürger. Sie habe die Wende herbeigesehnt.

Der Student Holger Drede war in den Monaten der Wende 1989/90 Soldat der DDR-Armee in Pirna gewesen. Wegen einer Informationssperre habe er nichts von den dramatischen Ereignissen mitbekommen. Obwohl sogar seine Vorgesetzten erwarteten, er werde seinen Urlaub in Bulgarien dazu nutzen, unterwegs von Ungarn aus in den Westen abzuhauen, kehrte er in die Kaserne zurück.

Am meisten beeindruckt waren die Schüler der Jörg-Zürn-Gewerbeschule von Bürgermeister Klaus Heindrich. Eine Schülerin beteuert, sie habe noch nie einen so optimistischen und strahlenden Menschen gesehen wie Heidrich. Er sei "wahnsinnig stolz" auf das in kurzer Zeit in Bad Schandau Geschaffene. Wenn er von früher erzähle, spüre man seinen Haß. Er habe von Überlingen und den hilfsbereiten Überlingern nur geschwärmt. Zwar gebe es eine bedrückend hohe Arbeitslosigkeit, aber Klaus Heindrich betonte optimistisch: "Wir schaffen es".


Quelle: Südkurier, 26.07.99

nach oben