> Pressespiegel > Bericht: 31. Jul. 1999
 

"Irgendwo da vorne tobte der schreckliche Krieg"

Überlinger Schüler eröffneten in Südostbulgarien einen "Internationalen Friedenspfad"

Überlingen/Sandanski - Wieder einmal ist es glühend heiß. "So um die 35 Grad", schätzt Arnold Schramm. Geregnet hat es seit Tagen nicht; alle schwitzen - und schuften. Arnold Schramm rührt gerade Zement an; seine Mitschülerin Anika Daschner läßt eine Drahtbürste über bereitliegende Natursteine kreisen. Dabei haben die beiden Berufsschüler der Jörg-Zürn-Gewerbeschule Überlingen zuerst einmal knapp 2000 Kilometer mit Flugzeug, Bus und zuletzt einem klapprigen Militärjeep russischen Fabrikats zurückgelegt. Im fernen Bulgarien sanieren sie Kriegsgräber, auf Einladung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Im Südosten des Landes, ganz in der Nähe zum Kosovo, hat die Überlinger Gruppe zudem einen "Internationalen Friedenspfad" eröffnet. Auch mit der Bevölkerung kamen die Schüler in Kontakt.
Der Ort, an dem Anika Daschner, Arnold Schramm und zahlreiche Mitschüler aus Überlingen gegen Sonne, Zement und Steine ankämpfen, ist ein geschichtsträchtiger: Genau hier , auf einer bewaldeten Anhöhe des steil ansteigenden Pyrin-Gebirges im Südosten Bulgariens, Zerschellte am 16. April 1941 ein deutsches Kampfflugzeug. Alle vier Besatzungsmitglieder kamen dabei ums Leben. "Das muß ein grauenvolles  Bild gewesen sein," glaubt Verena Burger. 

Die angehende biologisch-technische Assistentin, die in Überlingen zur Schule geht, hat sich zuvor auf den Weg gemacht, hinab in das kleine 500-Seelen-Dörfchen Roshen. Prompt kommt sie ins Gespräch mit einer 80jährigen Frau, die seinerzeit den Absturz miterlebt hat. "Die Frau ist heute noch sehr bedrückt, wenn sie darüber berichtet", weiß Verena - kein Wunder: Damals, vor einem halben Jahrhundert, stiefelten unmittelbar nach dem Unglück so gut wie alle Bewohner von Roshen auf die kleine Anhöhe. Was sie nach den Erinnerungen der 80jährigen sahen, war erschreckend: Leichenteile, Splitter des Flugzeugwracks, Kleidungsfetzen, wohin das Auge reicht. Die Überreste der Vier Besatzungsmitglieder wurden bestattet; die Grabstelle verwitterte im Laufe der Jahrzehnte.

Daß die Überlinger Schülergruppe nun ausgerechnet dieses Grab wieder in Ordnung bringt, ist eine Geschichte für sich - eine Geschichte, die eben nur das Leben auf dem Balkan schreiben kann: Iwan, ein weiter Bewohner von Roshen, hat der Absturz von einst keine Ruhe gelassen.

Das wiederum war der Überlinger Berufsschullehrer Karl Barth, der in Bulgarien gerade im Auftrag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge eine Jugendbegegnung vorbereitete. Das eine Wort gab das andere; bereits im vergangenen Jahr begann eine Jugendgruppe bei Roshen mit den wichtigsten Arbeiten am Grab. Diese konnten in diesem Jahr abgeschlossen werden.

Doch das ist nicht der einzige Job der Schüler: In dem südostbulgarischen Sandanski säubern sie Grabplatten; im nicht weit entfernten Petritsch werden Gräberfelder vermessen; schließlich geht es mit dem Bus in die Nähe von Varna am schwarzen Meer. In Dobritsch bei Varna stehen ähnliche Arbeiten an. So manchem der Schüler wird es dabei etwas mulmig; die meisten kennen kaum die Geschichte, die sich hinter den Gräberfeldern verdeckt.

Beispiel Sandanski in Südost-Bulgarien: Von hier aus griffen deutsche Truppen am 6. Oktober 1941 auf Befehl Hitlers Griechenland an - ein Überfall, der zahlreichen deutschen und griechischen Soldaten  das Leben kostete, ganz abgesehen von den Opfern unter der Zivilbevölkerung. Doch die meisten Schüler denken nicht so sehr daran als vielmehr an die Ereignisse der letzten Monate: Rund 150 Kilometer nördlich von Sandanski grenzt der Kosovo an Bulgarien. "Das ist schon ein komisches Gefühl," gibt Caroline Jäger zu, "du schaust nach vorne, in die Berge, und du weißt: da irgendwo um die Ecke, da tobte bis vor kurzem ein schrecklicher Krieg."

Hätte es die Diplomatie nicht geschafft, im Kosovo die Waffen zum Schweigen zu bringen - Die Reise der Schülergruppe nach Südostbulgarien wäre ins Wasser gefallen. "Wir standen ständig im Kontakt mit der deutschen Botschaft in Sofia", so Begleitlehrer Karl Barth, "wir wären auf keinen Fall irgendein Risiko eingegangen." Barth begleitet bereits seit fünf Jahren Gruppen der Jörg-Zürn-Gewerbeschule zu Internationalen Jugendbegegnungen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge: "Für mich ist der Begegnungscharakter wichtig. Unsere Jugendlichen kommen in diesem Jahr mit Schülern aus Bulgarien zusammen, lernen deren Lebensweise, deren Kultur, deren Probleme kennen. Solche Möglichkeiten hätten sie sonst nie."

Unter dem Eindruck des Kosovo-Krieges treffen sich bulgarische und deutsche Schüler mit dem Bürgermeister von Sandanski, Kostadin Buzov. Am Ortsausgang eröffnen sie einen "Internationalen Friedenpfad". Der, so Caroline Jäger, "soll ein Zeichen sein gegen den Krieg überall auf der Welt." Von Sandanski aus verläuft der Friedenpfad über das bulgarische Rila- und Pyringebirge; er verbindet die Länder Bulgarien, Rumänien, Mazedonien und Griechenland miteinander.

"Wenn wir zurückkommen, werden wir uns mal mit dem Überlinger Oberbürgermeister Klaus Patzel zusammensetzen," kündigt Begleitlehrer Karl Barth an. Grund: Neben dem Friedenspfad bei Sandanski könnte er sich einen solchen Pfad mit gleicher Zielsetzung auch in Überlingen Vorstellen.


Quelle: Südkurier, 31. Juli 1999, Lokalteil Überlingen, Thomas Wagner

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