> Pressespiegel > Bericht: 12. Juli 2000
 

Berlin "live" erforscht

Studienfahrt der Justus-von-Liebig-Schule und der Gewerbeschule Überlingen 

Rumm, rumm... haut die Dampframme auf dem Alexanderplatz in den Boden. Viele Menschen haben Zeit und schauen sich an, wie die Ramme stampft. Ein Mann oben zieht eine Kette, dann pafft es und ratz hat die Stange eins auf den Kopf. Der Fremdenführer von den "Stadt-Reisen Berlin" bricht ab und fordert die Teilnehmer einer Studienfahrt der Jörg-Zürn-Gewerbeschule und der Justus-von-Liebig-Schule Überlingen auf, in die Runde zu schauen.

Viele Menschen mit Zeit, wie in dem zitierten Romanausschnitt, sind die Reiseteilnehmer vom Bodensee nicht; hier stehen gerade mal knapp zwei Dutzend Personen und sehen sich das Treiben auf dem "Alex" an. Und mit Dampframmen wird auch nicht mehr gearbeitet, modernste Technologie bestimmt die Bautätigkeit in der Stadt. Trotzdem, der geführte Rundgang "Mit Franz Biberkopf durch den wilden Osten" war ein erster und gekonnter Einstieg in die Studienfahrt der beiden Leistungskurse Deutsch von der Justus-von-Liebig-Schule und der Jörg-Zürn-Gewerbeschule.

Die Kurse waren mit ihren Lehrern Hansjörg Straub und Michael Rupp gemeinsam nach Berlin gefahren, um "live" zu erforschen, was aus Franz Biberkopfs Berlin geworden war.

Der Roman "Berlin Alexanderplatz" von Alfred Döblin, "Sternchenthema" für die künftigen Abiturienten, konnte selbstverständlich nicht alleiniger Inhalt der einwöchigen Studienfahrt bleiben. Sicher, interessant war es schon, auf den Spuren dieser literarischen Figur Berlin zu erkunden und Veränderungen festzustellen. Mindestens genauso interessant waren aber die Eindrücke, die das moderne Berlin als politische Hauptstadt sowie als kultureller und historischer Brennpunkt hervorrief.

Um zumindest kleine Einblicke in diese Vielfalt zu gewähren, war das Programm von den betreuenden Lehrern entsprechend zusammengestellt worden. Ein Besuch in Potsdam schlug die Brücke von der preußischen Vergangenheit Deutschlands bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Sanssouci, das Schloss Friedrichs des Großen, vermittelte einen Eindruck vom Glanz der preußischen Herrschaft, der Cecilienhof, 1945 Tagungsort der Potsdamer Konferenz, machte das Ende des Dritten Reiches für alle eindrücklich fassbar. Ein besonderer Höhepunkt in diesem historischen Zusammenhang war der Besuch der Ausstellung "Topographie des Terrors". Die auf dem ehemaligen Gestapo-Gelände in der Berliner Niederkirchnerstraße untergebrachte Ausstellung vermittelte allen Besuchern einen nachhaltigen Eindruck von den Methoden, die das Dritte Reich gegenüber Auffälligen, Aufständischen und vermeintlich Andersartigen angewendet hatte.

Teilnehmer einer Studienfahrt der  Jörg-Zürn- Gewerbeschule Überlingen nach Berlin waren beeindruckt von der regen Bautätigkeit in der deutschen Hauptstadt.

Einen glanzvollen Kontrapunkt setzten die Besichtigungen der Regierungsbauten der gegenwärtigen Republik. Das demokratische Verständnis der Gegenwart, die Offenheit gegenüber den Bürgern wurden für die Besucher aus Überlingen auch durch die freie Zugänglichkeit des Plenarsaales des Deutschen Bundestages und des Bundespräsidialarntes deutlich. Dass Joschka Fischer persönlich anwesend sein würde, um die Überlinger Gäste im Auswärtigen Amt zu begrüßen, hatte natürlich niemand erwartet. Aber beeindruckt waren alle von der kompetenten und offenen Art, mit der Frau Aderholt, Diplomatin in den Diensten des Amtes, die Schüler über die Aufgaben und Möglichkeiten ihrer Dienststelle informierte.

Abends war Kulturzeit. Und hier hatte Berlin einiges zu bieten. Neben Kabarett und Musical überraschte vor allem die in vielen neu hergerichteten Höfen und Hinterhöfen lebendige Geselligkiet, Musik, Caféhausatmosphäre, Kleinkunst - wer hier nichts fand, dem war wirklich nicht mehr zu helfen.

Einen Höhepunkt zum Schluss bot der Besuch bei der "taz", der Berliner "tageszeitung". Die Kurse hatten die tolle Möglichkeit, an einer Redaktionskonferenz teilzunehmen. Der Chefredakteur der Badischen Zeitung, Dr. Jürgen Busche, war als "Gastredner" in die Konferenz eingeladen worden und zeigte durch seine pointiert vorgetragene Blattkritik wie Inhalt und Auftritt der "taz" von außen gesehen sehen werden. Erstaunen verursachten bei manchen Schülern die klaren Worte, mit denen Fehler charakterisiert, aber auch Stärken aufgezeigt wurden. Das anschließende Gespräch mit einem der Geschäftsführer dieser Zeitung vermittelte nicht nur profunde Einblicke in die "Zeitungsmache"; es zeigte auch durch die interessiert und engagiert vorgetragenen Fragen, dass die Schüler die Fahrt nicht einfach als Unterbrechung des Unterrichtsalltags verstanden. Es wurde vielmehr deutlich, dass dieser Aufenthalt aus dem Unterricht erwachsen war und auch durch viele neue Erkenntnisse und Impulse wieder in diesen zurückführen wird.

 
 
 

Südkurier Überlingen, Michael Rupp, 12.07.2000

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