> Pressespiegel > Bericht: 08. Juli 2000
 

Ratten und Mäuse einst selbst gezüchtet

Jörg-Zürn-Gewerbeschule entlässt heute den
20. Jahrgang biologisch-technischer Assistenten

Überlingen(hk) "Dringend Bewerber", sucht das Berufskolleg "Biologisch-technische-Assistentinnen und  Assistenten" (BTA) der Jörg-Zürn- Gewerbeschule, das heute den 20. Jahrgang entlässt. Während einer zweistündigen Feier in der Aula des Überlingers Gymnasiums wird das Berufsbild näher vorgestellt und ein Rück- und Ausblick über mittlerweile 22 Jahre BTA-Unterricht an der Gewerbeschule in Überlingen gegeben.

Wie Hartmut Walter und Dr. Bernhard Schnetter erläutern, erfüllt das Berufskolleg BTA die Anforderungen einer modernen, zukunftsorientierten Ausbildung, die sich wiederum an der Vielfalt der modernen Biologie orientiert. Es handelt sich dabei um eine praxisorientierte zweijährige Grundlagenausbildung, zu der man bereits mit einem mittleren Bildungsabschluss Zugang hat und die den Erwerb der Fachhochschulreife beinhaltet: "Die Absolventen haben beste Berufschancen an Universitäten, Untersuchungsämtern, Firmen der Biotechnik, Pharmazeutik und der medizinischen Diagnostik", unterstrich Walter. Trotz steigender Stellenangebote sind die Bewerbungen an der Schule gegenüber der 80er-Jahre auf ein Viertel zurückgegangen. Hatten sich seinerzeit noch 450 junge Menschen auf 48 freie Plätze beworben, so sind es heute nur noch 120. "Das ist nicht ganz nachzuvollziehen", sagte Walter, darauf verweisend, dass man für dieses Jahr insgesamt 350 Stellenangebote erwartet.

Angefangen hatte alles im September 1978, nachdem die Idee, eine biologisch-technische Assisentenausbildung einzurichten, zwei Jahre zuvor auf fruchtbaren Boden gestoßen war. Die Konzeption avancierte zu einem Bundesmodell.

BTA

Die Ausbildung zum "Biologisch-technischen- Assistenten" an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule orientiert sich an der Vielfalt der modernen Biologie und enthält:

• Untersuchung an Gewässern im Freiland und  Labor
• Versuche zur Physiologie von Pflanzen und Tieren
• Methoden der analytischen Chemie und  Biologie
• Verfahren der modernen Bio- und Gentechnik
• Bakteriologische und virologische Bestimmungen
• Grundlagen der Zellkultur und Pharmakologie

Vieles war seinerzeit noch anders: Die ersten beiden Jahrgänge mussten noch ein Werkstattpraktikum mit der Ausbildung in Feilen, Sägen und Bohren absolvieren, um als gute Laborkräfte defekte Geräte selbst reparieren zu können. Auch der "Umgang mit Tieren" wurde abweichend gehandhabt, heute unvorstellbar und teilweise verboten: Regenwürmer und Schnecken stammten aus dem eigenen Garten, Frösche aus jugoslawischen Naturfängen, Mäuse, Ratten und Meerschweinchen holte man in Schachteln unter dem Arm. Ein Lehrerzimmer wurde kurzerhand zum Tierraum umfunktioniert; Mäuse und Ratte selbst gezüchtet, bis man den Fortpflanzungsprozess nicht mehr unter Kontrolle hatte. Heute indes hat die Schule nur noch sehr wenige Tiere und das nur noch für den aktuellen Bedarf. Walter: "Und dies wird von mehreren Instituten kontrolliert."

Mit Abschluss des Bundes-Modellversuchs hatte sich die BTA-Ausbildung 1984 etabliert, wurde zum Regelbetrieb. In den 90er-Jahren führte die Entwicklung zur Biotechnologie und Gentechnik zu einem erneuten Umbau der Gewerbeschule, ein eigenständiges Praktikum wurde eingeführt. Die EDV revolutionierte zunehmend die Forschung, Betrieb und Labore. Aus finanziellen Gründen kann die Schule allerdings der zunehmenden Geschwindigkeit der technischen Entwicklung immer schwerer folgen. Walters Bitte daher heute Abend an den Schulträger: "Unterstützt die BTA-Ausbildung. Baden-Württemberg braucht für diesen Forschungs- und Technologiebereich dringend viele und bestens ausgebildete Arbeitskräfte".

 
 
 

HOLGER KLEINSTÜCK, Südkurier Überlingen, 08.07.2000

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