> Pressespiegel > Bericht: 28. Jan. 2000
 

Lehrerin zur Pennerin verwandelt

Friseur-Azubis schauen in Überlingen Chefmaskenbildner auf die Finger

,,Ah, das ist schön, wenn einem jemand so nett in der Nase popelt", freute sich Ariane Siegfried von der Friedrichshafener Claude-Dornier-Schule. Wer da popelte, war immer hin Rüdiger Botor, Chefmaskenbildner der Stuttgarter Staatsoper, der dabei war, aus der Berufsschullehrerin eine alte Pennerin mit zerzaustem Haar und nicht zu übersehenden Zahnlücken zu machen. Botor, der in Stuttgart mit 20 festen Mitarbeitern und weiteren 10 Aushilfskräften Herr über eine kleine Armada von Charaktergestaltern verfügt, vermittelte an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule in Überlingen den angehenden Friseurinnen und Friseuren des dritten Lehrjahres ein umfassendes Bild seines Berufes vor. Die Auszubildenden von der Claude-Dornier-Schule hatten sich zu den Überlinger Azubis gesellt, um dem Profi aus der Landeshauptstadt auf die Finger zu sehen.

Im Bild festgehalten

Ja, viele der angehenden Friseurinnen und Friseure waren mit Fotoapparat oder Videokamera ausgestattet, um das Geschäft des Maskenbildners im Bild festhalten zu können. Einige Pinselstriche und schon prangt eine lange Narbe über dem Auge des Penners.

Ein paar Tupfer aus dem schwarzen Töpfchen, und das Gebiss hat seine ersten Lücken und Ästhetik stark eingebüßt. ,,Sind die Perücken aus echten Haaren?" kommt eine Zwischenfrage, als Botor den Kopf der Pennerin zerzaust. ,,Nein, das ist alles Büffelhaar". Die Entwürfe und Accessoires für die Fantasy-Figuren, die der Gast präsentierte und gestaltete, basierten auf Prüfungsarbeiten von angehenden Maskenbildnern.

Sie müssen kräftig ran

Bevor er sich an die praktische Arbeit machte, hatte Rüdiger Botor die Ausbildung und das Berufsbild des Maskenbildners skizziert. Eine dreijährige Volontärzeit ist erforderlich, wobei es in dieser Phase schon ein kleines Salär gibt - doch die Azubis der Verwandlungskunst müssen schließlich auch schon kräftig ran. Höhenflüge können sie jedoch auch mit ihrem späteren Gehalt nicht machen, trotz der außergewöhnlichen Arbeitszeiten. "Wer Maskenbildner ist, braucht keinen Freund", zitiert Rolf Briddigkeit, verantwortlich für die überbetriebliche Ausbildung der Friseure an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule, ein  geflügeltes Wort aus der Branche. ,Wer Maskenbildner ist, muss abends und an Wochenenden an den Arbeitsplatz. Bisweilen ist bei diesem Job auch Fließbandarbeit gefragt. Stehen Humperdincks ,,Hänsel und Gretel" oder Wagners ,,Meistersinger von Nürnberg" auf dem Spielplan, muss es zack-zack gehen. Die Maske wird von den Mitarbeitern zuvor als Prototyp entworfen. Dann werden das Gesicht der Darsteller von Massenszenen in Windeseile geklont. ,,Für eine Maske bleiben einem da gerade mal zehn Minuten", sagt Rüdiger Botor, und das ganze Team samt Aushilfen muss sich mächtig ins Zeug legen.

 
 
 

HANSPETER WALTER, Südkurier Überlingen, 28.01.2000

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